»Wichtige Prinzipien können und dürfen nicht gebrochen werden!« — Abraham Lincoln
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David X. Noack

Kritische Perspektiven auf Geschichte und internationale Politik

Europäische Interventionen in Lateinamerika im Schatten des US-Bürgerkriegs

Als 1861 bis 1865 die USA im Sezessionskrieg versanken, versuchten Frankreich und Spanien, ihren Einfluss in Lateinamerika auszudehnen, scheiterten aber krachend

Bei einer Rede zur Lage der Nation proklamierte der US-Präsident James Monroe am 2. Dezember 1823, dass jeder Versuch einer europäischen Macht, den eigenen Einfluss in die westliche „Hemisphäre auszudehnen“ als Gefahr für den „Frieden und die Sicherheit“ der USA angesehen würde.1 Die Regierung in Washington würde sich dagegenstellen, dass europäische Mächte ihren Einfluss in Lateinamerika und der Karibik ausdehnten. Damit begründete der fünfte Präsident der Vereinigten Staaten die so genannte Monroe-Doktrin, welche die US-Politik gegenüber Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert entscheidend prägte.

Im Zuge der Napoleonischen Kriege (1803–1815) hatte Frankreich die Dominanz über Europa – darunter auch Spanien und Portugal – errungen, doch Großbritannien gelang es, die lateinamerikanischen Kolonien in eine Unabhängigkeit zu begleiten, die zwar das Ende der direkten spanischen und portugiesischen Herrschaft bedeuteten, die Länder aber in das britische „Informal Empire“ eingliederte. Im Jahr 1808 öffnete Brasilien beispielsweise seine Häfen für den Freihandel, woraufhin britische Händler an Einfluss gewannen.2In anderen Ländern wie Argentinien und Uruguay verlief die Entwicklung ähnlich.3 Freihandel bedeutete aber auch, dass nach dem Ende der Napoleonischen Kriege andere Mächte wie Frankreich, Spanien und die USA mit den Briten in Mittel- und Südamerika um Einfluss buhlten.

Die Vereinigten Staaten hatten in ihrem Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) die Selbständigkeit von London errungen und scheiterten im „Krieg von 1812“ (1812–1815) damit, Kanada zu erobern und sich nach Norden auszudehnen. Letztere bewaffnete Auseinandersetzung endete damit, dass britische Truppen in Washington landeten, das Weiße Haus und das Kapitol abbrannten und wieder abzogen. In einem Friedensvertrag einigten sich London und Washington auf die Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen.

Trotz dieses Rückschlags ging die US-Expansion weiter – nach Westen und in den Süden. Bis Ende der 1840er-Jahre hatten die USA die nördliche Hälfte Mexikos annektiert sowie Florida und das Oregon-Territorium übernommen. Die Überseeexpansion begann in den 1850er-Jahren mit der ersten Annexion von Pazifikinseln für den Guano-Abbau. Jedoch standen die unbewohnten Inseln Ozeaniens nicht im Fokus der US-Expansion nach dem Erreichen der Pazifikküste – viel bedeutender waren Mittelamerika und die Karibik.

Nach der Wahl des US-Präsidenten Franklin Pierce im Jahr 1852 entschied die Regierung des Königreichs Spanien, den eigenen Einfluss in der Dominikanischen Republik auszubauen. Aus Sicht Madrids bedrohten die Vereinigten Staaten zunehmend die spanische Kolonie Kuba, weswegen Madrid den Einfluss des eigenen Landes auf der Insel Hispaniola ausbauen sollte.4 Von Kuba aus gesehen war die dominikanische Hauptstadt Santo Domingo der nächstgelegene größere spanischsprachige Hafen.

Die US-Territorialexpansion ging in der Karibik weiter, wobei private Initiativen und staatliches Handeln parallel und teilweise Hand in Hand liefen. Im Rahmen des „Guano Islands Act“ beanspruchte die US-Regierung bis 1861 die Islas Santanilla vor der honduranischen Küste, Lanavaz zwischen der britischen Kolonie Jamaika und Haiti sowie die Isla de Aves 200 Kilometer westlich von Guadeloupe. Im Rahmen des Filibusterkriegs (1855–1857) marschierte der US-Amerikaner William Walker mit einer Söldnerarmee in Nicaragua ein und wurde De-facto-Herrscher über das Land. Sein Plan, das Land zu einem US-Protektorat zu machen, scheiterte, da die Regierung in Washington dies ablehnte.

Die US-Expansion stoppte vorläufig im Frühjahr 1861, als sich die südlich gelegenen Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) vom Rest der USA abspalteten, um die im Norden der Vereinigten Staaten unbeliebte Sklaverei fortführen zu können. Mit der Schlacht von Fort Sumter im April des Jahres begann schließlich der Sezessionskrieg zwischen den Nordstaaten (Unionsstaaten) und den südlichen Konföderierten Staaten.

Die Regierungen Brasiliens, Frankreichs, Großbritanniens, Spaniens5 und – im 19. Jahrhundert in Lateinamerika meist ein französischer Juniorpartner – Belgiens erklärten sich im Zuge der Sklavenhalterrebellion für neutral und werteten somit die Konföderierten international auf. Konföderierte Schiffe wurden fortan in den Häfen dieser Staaten wie unionistische Schiffe behandelt.6 Die Administrationen Preußens, Russlands und des damals unabhängigen Königreichs Hawaii wiederum erklärten die Rebellion zu einer inneren Angelegenheit der USA und stellten sich somit eindeutig auf die Seite der Nordstaaten.

Da die USA als Machtfaktor in Mittelamerika ausfielen, ergriffen die Regierungen Spaniens und Frankreichs die Gelegenheit und begannen imperiale Vorhaben in der Region zu forcieren. Als der dominikanische Präsident Pedro Santana sich angesichts eines drohenden Staatsbankrotts seiner Republik über Geheimkanäle an Madrid gewandt und die Errichtung eines Protektorats erbeten hatte, bot sich Spanien die Möglichkeit hierzu. Beide Regierungen arbeiteten ein Abkommen aus, welches die Wiedereingliederung in das spanische Kolonialreich absicherte. Demnach blieben die dominikanischen Offiziellen im Amt, dominikanische Gesetze galten weiter, die spanische Seite würde die dominikanische Währung stützen und die Sklaverei nicht wieder eingeführt, um Widerstand aus Großbritannien zu umgehen.7 Der russische Gesandte in Washington notierte im April 1861, dass die Spanier 24.000 Soldaten in die Kolonie Kuba geschickt hätten, um sich auf die Annexion vorzubereiten.8

Im Mai desselben Jahres annektierte Spanien dann offiziell die Dominikanische Republik. Tausende spanische Soldaten aus dem benachbarten Puerto Rico sowie aus Kuba erreichten die wiedergewonnene spanische Kolonie Santo Domingo. Der vormalige Präsident Pedro Santana regierte fortan als spanischer Generalgouverneur von Santo Domingo weiter. Die konföderierte Regierung in Richmond legte gegen die Wiedererrichtung der Kolonialherrschaft keinen Protest ein und die französische Regierung verhielt sich explizit neutral, während die semi-offizielle „Revue des Deux Mondes“ erklärte, das spanische Vorgehen sei ein willkommener Rückschlag für die Monroe-Doktrin.9

Der Fall Mexikos ist ein weiteres Beispiel für Europas Wunsch, die Machtlücke der USA zu füllen. Nachdem der liberale mexikanische Präsident Benito Juárez (im Amt 1858–1872) die Schuldenzahlungen an ausländische Gläubiger im Juli 1861 vorübergehend stoppte, stieg die Bereitschaft in London, Madrid und Paris, Mexiko mit Waffengewalt zur Zahlung der Schulden zu bringen. Solch ein Vorgehen war im Rahmen der so genannten Kanonenbootpolitik des 19. Jahrhunderts üblich – erst 1838/1839 hatte die französische Marine im Kuchenkrieg Zahlungen von Mexiko erzwungen.

Napoleon III., seit 1852 französischer Kaiser, beabsichtigte jedoch, nicht nur Bankeninteressen zu bedienen, sondern auch einen „Regime Change“ durchzuführen. Unter seiner Ägide hatte sich die Fläche des französischen Kolonialreichs verdoppelt und Napoleon III. strebte nach einem informellen Einflussgebiet in Lateinamerika. 1862 erreichten die ersten französischen Truppen Veracruz an der mexikanischen Atlantikküste.10 Vor Ort verbündeten sich reaktionäre Teile des mexikanischen Militärs und der katholischen Kirche mit den Franzosen.11 Bis zum Frühjahr 1864 gelang es der Interventionsstreitmacht, einen Streifen vom Atlantik (Veracruz) bis zum Pazifik (San Blas) quer durch Mexiko zu erobern.

Nachdem im Sommer 1863 eine von den Franzosen eingesetzte Junta beschlossen hatte, dass Mexiko eine Monarchie werden sollte, erreichte der österreichische Erzherzog Ferdinand Maximilian im Frühjahr 1864 das Land. Der Enkel von Franz II., dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, und Bruder des damaligen österreichischen Kaisers bestieg im April des Jahres den neu geschaffenen mexikanischen Thron. Dafür stimmte Kaiser Maximilian I. zu, die französischen Kosten der Expedition und zukünftig anfallende Kosten für Militärexpeditionen zu bezahlen.12

Neben Mexiko und Santo Domingo intervenierten die Franzosen und Spanier auch in Ecuador und Peru. In Ersterem mischten sich französische Vertreter in die Innenpolitik ein, um den konservativen Präsidenten Gabriel García Moreno zu unterstützen.13 Der US-Gesandte in Quito vermutete gar, dass es die Absicht von Paris gewesen sei, Ecuador zu einer französischen Kolonie zu machen. Sein britisches Pendant wiederum glaubte die entsprechenden Gerüchte nicht.14 Ecuador konnte seine Unabhängigkeit wahren. Während die Franzosen sich politisch in Quito einmischten, gingen die Spanier weiter südlich direkter vor. Zu einer Zeit als Madrid die Unabhängigkeit Perus nicht anerkannte, annektierte die spanische Marine 1864 die Chincha-Inseln direkt vor der peruanischen Küste.15 Auf den Inseln gab es Guano-Vorkommen, welche vor der spanischen Übernahme des Archipels für rund 60 Prozent der Einnahmen des peruanischen Staates verantwortlich waren.16

Doch eine nach der anderen Intervention der Europäer scheiterte. Ein Jahr nach der Inthronisierung Maximilians I. kapitulierten die Konföderierten und die US-Regierung mischte sich wieder verstärkt in die Angelegenheiten Lateinamerikas ein. In Mexiko unterstütze Washington die liberale Regierung von Benito Juárez, die sich in die nordmexikanische Stadt Chihuahua zurückgezogen hatte. Ausbleibende Steuereinnahmen des mexikanischen Königreichs, rapide steigende Kosten für die französische Besatzungsstreitmacht und diplomatischer Druck aus Washington führten dazu, dass die Franzosen sich 1867 aus dem Land zurückzogen.17

In Santo Domingo wiederum wuchs der Widerstand gegen die wiedererrichtete Kolonialherrschaft, sodass die spanische Regierung im Oktober 1864 eine Blockade über die eigene Kolonie verhängte.18 Dominikanische Guerilleros hatten im Rahmen des Restaurationskriegs die spanische Kolonialherrschaft in weiten Teilen der vormaligen Dominikanischen Republik herausgefordert. Im Frühjahr 1865 stimmte das Parlament in Madrid für den Abzug, der bis zum Sommer desselben Jahres durchgeführt wurde.

In der spanischen Hauptstadt hatte sich politisch der Wind inzwischen gedreht, als im September 1864 der konservative General Ramón María Narváez das sechste Mal das Ministerpräsidentenamt übernahm. Er beabsichtigte, die Interventionen vor der peruanischen Küste sowie die Herrschaft über Santo Domingo zu beenden, traf aber auf Widerstand in der Regierung.19 Während Spanisch-Santo-Domingo ein Jahr später Geschichte war, zog sich die Pazifikaktion noch bis ins Jahr 1867. Damals endete der Chincha-Insel-Krieg mit einem Waffenstillstand. Die Spanier evakuierten die Inseln und zogen sich auf die Philippinen zurück.

In Frankreich ließ das langjährige, teure und verlustreiche Mexiko-Kapitel das bonapartistische Regime erodieren. Hohe Steuern sorgten darüber hinaus für Unmut in der Bevölkerung. Als infolge der vom preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck veröffentlichten Emser Depesche die Pariser Regierung Preußen den Krieg erklärte, war die Motivation in der französischen Bevölkerung gering, einen weiteren Krieg für den Kaiser auszufechten.20 Den folgenden Deutsch-Französischen Krieg gewannen die deutschen Staaten und vereinigten sich 1871 zum Deutschen Kaiserreich. Ironischerweise geriet Napoleon III. in preußische Gefangenschaft und musste abdanken.

In Mexiko begann mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit die Epoche der Restaurierten Republik. Benito Juárez hatte der Erschießung Maximilians I. durch ein Exekutionskommando beigewohnt und damit diese Phase der mexikanischen Geschichte beendet. Maximilians Leichnam wurde nach Wien überführt.

1. Brook Poston: “Bolder Attitude”: James Monroe, the French Revolution, and the Making of the Monroe Doctrine, in: The Virginia Magazine of History and Biography, Jg. 124 (2016), Nr. 4, S. 282–315 (hier: S. 306/307). Hier abrufbar.
2. Leslie Bethell: Brazil: Essays on History and Politics, London 2018, S. 57–85. Hier abrufbar.
3. H. S. Ferns: Britain’s Informal Empire in Argentina, 1806–1914, in: Past & Present, Jg. 2 (1953), Nr. 4, S. 60–75. Hier abrufbar. Peter Winn: British Informal Empire in Uruguay in the Nineteenth Century, in: Past & Present, Jg. 25 (1976), Nr. 73, S. 100–126. Hier abrufbar.
4. James W. Cortada: A Case of International Rivalry in Latin America: Spain’s Occupation of Santo Domingo, 1853–1865, in: Revista de Historia de América, Jg. 38 (1976), Nr. 82, S. 53–82 (hier: S. 55). Hier abrufbar.
5. James W. Cortada: Spain and the American Civil War: Relations at Mid-Century, 1855–1868, Philadelphia 1980, S. 54.
6. Reiner Pommerin: Zwischen Eurozentrismus und globalem Staatensystem – Bismarck und die USA 1862–1890, Friedrichsruh 2007, S. 9.
7. Cortada: Spain’s Occupation of Santo Domingo, 1853–1865, S. 63.
8. Ebenda, S. 67/68.
9. Ebenda, S. 70.
10. Jerome Greenfield: The Mexican Expedition of 1862–1867 and the End of the French Second Empire, in: The Historical Journal, Jg. 63 (2020), Nr. 3, S. 660–685 (hier: S. 665). Hier abrufbar.
11. Hubert Howe Bancroft: The Works of Hubert Howe Bancroft – History of Mexico: Vol. VI 1861–1887, San Francisco (CA) 1888, S. 51.
12. Greenfield: The Mexican Expedition of 1862–1867 and the End of the French Second Empire, S. 662.
13. Nicola Miller: “That Great and Gentle Soul”: Images of Lincoln in Latin America, in: Richard Carwardine/Jay Sexton (Hgg.): The Global Lincoln, New York (NY) 2011, S. 206–222 (hier: S. 216).
14. Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes, Austin (TX) 2008, S. 97.
15. Miller: “That Great and Gentle Soul”, S. 216.
16. Gabriele Esposito: Armies of the War of the Pacific 1879–83: Chile, Peru & Bolivia, Oxford 2016, S. 3.
17. Greenfield: The Mexican Expedition of 1862–1867 and the End of the French Second Empire, S. 662.
18. Cortada: Spain’s Occupation of Santo Domingo, 1853–1865, S. 75.
19. Ebenda, S. 70.
20. Greenfield: The Mexican Expedition of 1862–1867 and the End of the French Second Empire, S. 683.

Erschienen auf: amerika21.de, 06.10.2023.

1 Response to “Europäische Interventionen in Lateinamerika im Schatten des US-Bürgerkriegs”

  1. Aurel Thun says:

    Ein kleiner Zusatz: als der Jakobiner Juárez öffentlich erklärte, die von seinem konservativen Gegner Miramón aufgenommenen Staatsschulden nicht bedienen zu wollen, brach deren Börsenwert natürlich zusammen. Der in Mexiko ansässige Schweizer Bankier Jecker kaufte sie billig auf und verkaufte sie an den Halbbruder und Innenminister Napoleons III., Auguste de Morny, weiter, der als Drahtzieher der französischen Expedition galt: er wollte die Schulden zu ihrem Nominalwert kassieren. Die „régéneration“ Mexikos (Walker rechtfertigte seinen Angriff auf Nicaragua übrigens mit demselben Begriff) wurde mit Krediten der Banque du Crédit mobilier an Maximilian von Habsburg finanziert, dessen Sturz auch den Bankrott der Bank 1867 und Verluste ihrer Sparer (meistens Landwirte,, die Stütze des bonabartistischen Regimes) nach sich zog. Die Banque du crédit mobilier ist von Marx selbst in mehrerern Artikeln untersucht worden und ihr Kampf mit den Rothschilds ist Thema des naturalistischen Romans „Das Geld“ von Èmile Zola in seinem Romanzyklus „Histoire naturelle et sociale d’une famille sous le Second Empire“.

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