»Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.« — Václav Havel
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David X. Noack

Kritische Perspektiven auf Geschichte und internationale Politik

Fernab der Wissenschaft

Isoliert in der Forschung versuchen Anne Applebaum und Timothy Snyder, ihre politischen Ansichten als Werke von Wissenschaftlern darzustellen

Eine besondere Rolle im deutschen Diskurs zum Ukrainekrieg im Speziellen und dem Verhältnis zu Russland im Allgemein spielen die beiden US-Amerikaner Anne Applebaum und Timothy Snyder. Sie schreiben Artikel in deutschen Zeitungen und Zeitschriften, erscheinen in Talkshows.
Beide werden dabei immer als “Historiker” vorgestellt, wobei außen vor bleibt, wie sehr im Abseits der geschichtswissenschaftlichen Forschung stehen und wie wenig ihre Arbeit direkt mit der von anderen Wissenschaftlern zu tun hat.
Die 1964 geborene Applebaum wuchs in Neuengland auf. 1982 begann sie einen Bachelor an der renommierten Yale-Universität und schloss diesen mit den Doppelfächern Geschichte und Literatur ab.
Danach studierte sie Internationale Beziehungen an der ebenso angesehenen London School of Economics in der britischen Hauptstadt. Ihre Ausbildung als Historikerin beschränkte sich auf einen Doppelfach-Bachelor und vielleicht ein paar Kurse im Master – mehr nicht.
Applebaum schien auch nicht darauf aus, geschichtswissenschaftliche Arbeit zu machen. Bis heute hat sie keinen einzigen geschichtswissenschaftlichen Fachartikel geschrieben. Stattdessen startete sie eine Karriere als Korrespondentin des britischen Magazins The Economist in Warschau und ging später dazu über, Artikel für andere Zeitungen wie das Wall Street Journal, die New York Times und zahlreiche andere in Großbritannien, Polen, den USA und auch Deutschland zu schreiben.
Mitte der 1990er-Jahre veröffentlichte die Washington Post einen Artikel darüber, wie erfolgreich sie eine Karriere in torynahen Publikationen in Großbritannien machte.
Erst später wandte sie sich von britischen Konservativen ab. Darüber hinaus arbeitete sie für verschiedene Denkfabriken wie die American Academy in Berlin und dem der britischen Konservativen Partei nahestehenden britischen Think-Tank Legatum Institute. Sie ist in der transatlantischen Denkfabriken-Szene gut vernetzt.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten veröffentlichte Applebaum eine Reihe von Büchern, mit denen sie die öffentlichen Diskurse in verschiedenen Nato-Staaten beeinflussen wollte. Darunter vor fünf Jahren ein Buch zur Ukraine, welches im April 2019 unter dem deutschen Titel ‚Roter Hunger – Stalins Krieg gegen die Ukraine‘ erschien.
In Springers Die Welt hieß es, das Buch sei eine “glänzend geschriebenen Studie” und im Magazin Der Spiegel schrieb ein Autor unter Berufung auf Timothy Snyder, dass Applebaums Buch “sicherlich zum Standardwerk” werden würde.
In der FAZ hieß es, dass Applebaum ein “Buch über die Wirklichkeit des Sozialismus” geschrieben habe. Der deutschen Pressewald rezipierte das Buch von Applebaum hauptsächlich positiv.
Durchaus anders sah das jedoch in der Geschichtswissenschaft aus. Tarik Cyril Amar von der Universität Koç in der Türkei schrieb in einem längeren Artikel darüber, dass sich der Mehrwert für die Geschichtswissenschaft von ‚Roter Hunger‘ in Grenzen hielt.

Mangelhafte Beweisführung schon bei Robert Conquest

In seinem Aufsatz Politics, Starvation, and Memory: A Critique of Red Famine in der geschichtswissenschaftlichen Zeitschrift Kritika zog Amar vor allem Parallelen zu dem Buch The Harvest of Sorrow von Robert Conquest aus dem Jahr 1986, welches auf Deutsch mit dem Titel Ernte des Todes: Stalins Holocaust in der Ukraine 1929–1933 erschien.
Conquest argumentierte darin, dass die “Terror-Hungersnot” in der Ukraine politische Absicht der sowjetischen Staatsführung gewesen sei. Dafür konnte Conquest aber keine Primärquellen zitieren – u.a., weil der Zugang zu sowjetischem Archivmaterial in den 1980ern sehr beschränkt war.
Aus Mangel an stichhaltigen Beweisen bezog sich Conquest viel auf Exilantenquellen. Der erzkonservative britische Historiker sah sich deswegen mit heftiger Kritik von anderen Geschichtswissenschaftlern konfrontiert.
Bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens über die Absichten der sowjetischen Regierung im Zuge der Hungersnot in der Ukraine, die Teil einer größeren Sowjetunion war, die bis nach Kasachstan reichte.
Dreißig Jahre später gestaltete sich der Aktenzugang zu vormaligen sowjetischen Akten ganz anders als zu Zeiten Conquests – und trotzdem zog Applebaum laut Amar keine Schlüsse, die nicht der Brite Conquest bereits 1986 gezogen hatte.
Amar kritisiert unter anderem, dass Applebaum die ukrainische nationalistische Bewegung der 1920er- bis 1950er-Jahre verharmloste. Außerdem nutzte sie den Begriff “Kollaborateur” nur in Bezug auf Ukrainer, die mit den Sowjets zusammenarbeiteten – aber nie im Zusammenhang von ukrainischen Faschisten, die mit den deutschen Nationalsozialisten kooperierten.
Ferner kritisierte Franziska Davies von der Universität München die teilweise vollkommen falsche Darstellung des Zweiten Weltkriegs sowie die Traditionslinien ukrainischer Exilfaschisten nach 1945 in Applebaums Buch.
Christopher Gilley von der Wiener Holocaust Library schrieb, dass Applebaum oft ukrainisch-nationalistische Narrative übernehme und dabei unliebsame Details ignorierte. Mark B. Tauger von der West Virginia University wiederum kritisierte, dass Applebaum selektiv Akten benutzte, von ihrer Meinung abweichende wissenschaftliche Arbeiten und auch Quellen ignorierte und sich viel auf Anekdoten bezog.
Alles in allem zweifelte Tauger an, ob Applebaums Buch als “populärwissenschaftlich” gelten könne, da es nicht dem aktuellen Stand der Forschung nahekomme.
Basierend auf einer äußerst fragwürdigen Expertise als Hobby-Historikerin äußert sich Applebaum – die mit ihrem Ehemann, dem früheren liberalen Außenminister Rados?aw Sikorski, auf einem Gutshof in Westpolen lebt – zur Ukraine, zu Russland und den Beziehungen Westeuropas zu beiden Ländern.
Während Applebaum gar nicht erst ernsthaft eine Historikerkarriere anfing, sah das bei Timothy Snyder ganz anders aus. Der in Ohio geborene US-Amerikaner studierte zunächst an der renommierten Brown University in Providence, der Hauptstadt des kleinen Bundesstaates Rhode Island.
Später wechselte er an die britische Universität Oxford und schrieb dort seine Doktorarbeit. Nach diversen Forschungsaufenthalten, u.a. in Wien und in Paris, wurde er Professor an der Universität Yale.

Warum Snyder noch radikaler ist als Ernst Nolte

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Snyder mit seinem Buch Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin, welches in mehreren Ländern – darunter Deutschland – zum Bestseller wurde.
Dafür wählte der US-Historiker eine grenzüberschreitende Perspektive für Ostmittel- und Osteuropa für die Zeit von 1933 bis 1945 ein. Abgesehen von diesem kreativen Ansatz konnte die deutsche Leserschaft in dem Buch jedoch wieder viel lesen, was sie schon kannte: So soll Stalin Hitler erst zum Judenmord animiert haben.
Eine These, die vom Historiker Ernst Nolte in den 1980ern aufgeworfen, zum Historikerstreit führte und Nolte zunächst isolierte und danach immer weiter nach rechts abdriften ließ. Der Yale-Professor, ein intellektueller “Sohn Noltes”, ging aber noch weiter als sein Vorgänger – mit viel “extremeren Aussagen” als der deutsche Historiker.
Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten: Snyders Narrativ in Bloodlands entsprach nicht dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung über den Holocaust, schrieb Jürgen Zarusky, ein anerkannter Historiker des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Ebenso wie Applebaums Buch erhielt Snyder viel Gegenwind in der Forschung.
Während Bloodlands noch steile Thesen mit einer Tendenz zum Geschichtsrevisionismus enthielt, steigerte sich Snyder in seinem Folgewerk Black Earth: The Holocaust as History and Warning (auf Deutsch Black Earth: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann) in offene Verschwörungsmythen.
Der industrielle Massenmord an den europäischen Juden sei demnach aus einem ökologischen Denken Hitlers und dessen Einsicht in begrenzte Ernährungsressourcen entstanden, schrieb Snyder. Der Diktator sei “kein deutscher Nationalist”, sondern ein “zoologischer Anarchist” gewesen.
Diese Thesen widersprachen den Erkenntnissen von mehreren Jahrzehnten der internationalen Holocaust-Forschung. “Den Holocaust stutzt Snyder als ein Verbrechen zurecht, das in einem Zeitalter der Globalisierung aus der Vorstellung begrenzter Ressourcen entsprungen sei”, schrieb dazu sogar die FAZ. Doch das war noch nicht alles.
Ohne einen guten Ruf, den man verlieren könnte, driftete Snyder noch weiter ab. Sein Folgebuch The Road to Unfreedom: Russia, Europe, America (zu Deutsch: Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika) “strotzt vor Falschzitaten” hieß es auf dem geschichtswissenschaftlichen Rezensionsportal H-Soz-Kult. Lorenz Erren von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz urteilte über das Buch vernichtend, dass “die Historikerzunft ihre eigene Reputation [riskiert], wenn sie dreiste Köpenickiaden nicht als solche erkennt und benennt. Kein seriöser Verlag hätte diesen Text veröffentlichen dürfen.” Deutlicher hätte der Rezensent seine Kritik nicht ausdrücken können.
Doch der Gegenwind aus der Forschung dürfte den Professor der Yale-Universität wenig interessieren. Bereits seit über einem Jahrzehnt positioniert sich Snyder lieber politisch und widmet sich immer weniger der Forschung. Das Buch Bloodlands “katapultierte” ihn dabei in die “Top-Ränge der Pundits”, also der gerngesehenen Interview-Gäste in Talkshows und Kolumnisten in den großen Zeitungen.

Zeitgeschichte auf “große Männer” reduziert

Nach dem Beginn der Ukraine-Krise im Jahr 2014 forcierte Snyder das und erscheint mittlerweile regelmäßig in deutschen und US-amerikanischen Medien, wie zuletzt beispielsweise im Magazin Der Spiegel.
Die Aussagen zur aktuellen Politik von Applebaum und Snyder stehen in einer gewissen Kontinuität zu ihren Arbeiten zur Geschichte. Politik heute wie damals stellen sie als Erzählung von “großen Männern” dar, bei denen es so gut wie keine soziologischen, politökonomischen oder andere Faktoren zu bedenken gibt. In der Geschichtswissenschaft bewegte man sich von diesem Denken ab den 1970er und 1980er-Jahren weg – nicht so die beiden US-Amerikaner.
Oft teilen sie dabei die Welt in Gut und Böse und es mangelt stets an Differenzierungen. So ist bei Applebaum die Geschichte der Ukraine ein tausendjähriger Kampf um Freiheit, dem sich nur sehr oft die Deutschen und Russen bzw. Sowjetrussen entgegenstellten. Snyder wiederum glorifizierte in Bloodlands die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa, AK), spielte den Antisemitismus in deren Reihen runter und ignorierte Massentötungen von Belarussen und Litauern durch AK-Kämpfer – die Heimatarmee spielt in seinem Buch hauptsächlich eine Rolle als Opfer von sowjetischer Repression.
Darstellungen jenseits von Schwarz und Weiß finden dabei keinen Platz. Mangelnde Differenzierungen und das Weglassen von unliebsamen Quellen und Arbeiten brachten Applebaum und Snyder in der Wissenschaft viel Kritik ein – in den Medien sind die beiden jedoch weiterhin gerne gesehen, da ihre Anwesenheit beispielsweise in Talkshow-Runden verspricht, dass es nicht langweilig wird.
Applebaum und Snyder sind organische Intellektuelle einer transatlantischen Szene – und zwar des Flügels der Transatlantiker, der sich dem liberalen Internationalismus verschrieben hat. Am Neoliberalismus war in ihren Augen nichts falsch – und am schottischen Unabhängigkeitsreferendum, der Wahl Donald Trumps oder der Brexit-Abstimmung einfach immer Russland schuld, wenn man Snyder glaubt.
Was eine ideale Politik in ihren Augen ist, zeigte Applebaum in ihrem jüngsten Buch Twilight of Democracy: The Failure of Politics and the Parting of Friendsin welcher sie von der Ära von US-Präsident William Clinton und dem britischen Premier Tony Blair schwärmte.
Wie eine deutsche Außenpolitik gegenüber der Ukraine und Russland aussieht, in welcher Blair und Clinton die Helden und “die Russen” die Schurken sind, kann man sich vorstellen. Mit ihrem Ignorieren der Forschungsstände, mangelnden Differenzierungen, Erzählungen von übermächtigen “großen Männern” und dem Ignorieren von unliebsamen Fakten tragen Anne Applebaum und Timothy Snyder nicht zu einem besseren Verständnis Osteuropas bei, sondern arbeiten lediglich ihre aus der Zeit gefallene politische Agenda ab.

Erschienen in: heise.de/tp/, 08.06.2022.

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