»Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.« — Benjamin Franklin
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David X. Noack

Geschichte und internationale Politik im linken Fokus

Gallisches Dorf der Konterrevolution

Vor 100 Jahren marschierte die Rote Armee im zentralasiatischen Emirat Buchara ein. Damit endete der Russische Bürgerkrieg in den Städten Turkestans

Die Oktoberrevolution fand in den Gebieten Russisch-Zentralasiens – dem Generalgouvernement Turkestan sowie den beiden Fürstentümern Buchara und Chiwa – nicht so statt wie in den politischen Zentren Moskau und Petrograd. Den größten Teil des zentralasiatischen Proletariats machten die meist russischen Eisenbahnarbeiter aus, sie stellten circa drei Viertel aller Arbeiter. Nach der militärischen Eroberung der Gebiete zwischen Kaspisee und China im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte die Transkaspische Eisenbahn als wichtiger Faktor der russischen Durchdringung des Raumes gedient. Mit der Bahn konnten Soldaten, aber auch Güter nach Zentralasien gebracht und die Baumwolle aus dem fruchtbaren Ferganatal zurücktransportiert werden. Entlang der Eisenbahnlinien befanden sich auch die Telegrafenlinien – ein damals wichtiges Mittel der Kommunikation zwischen Zentrum und Peripherie. Noch in der Revolution von 1905 waren die Eisenbahner die treibende Kraft der sozialen Veränderung in Turkestan.
Als die Februarrevolution 1917 für das Ende des Zarentums sorgte, geschah in Zentralasien zunächst nichts. Der Militärverwalter der Provinz, der durch Niederlagen im Russisch-Japanischen Krieg bekannt gewordene Alexej Kuropatkin, unternahm nach der Mitteilung von der Abdankung des Zaren, die per Telegrafennachricht eintraf, erst einmal nichts. Wenige Tage später bekannte er sich zur bürgerlichen Regierung in Petrograd und organisierte eine Demonstration zur Unterstützung der neuen politischen Verhältnisse.1 Die Errungenschaften der Februarrevolution fielen den Bewohnern Russisch-Zentralasiens quasi in die Hände.

Revolution und Rätebildung

Wie im russischen Kernland entstanden infolge der Februarrevolution aber auch in Taschkent Arbeiter- und Soldatenräte. In der Hauptstadt des Generalgouvernements blieb die Arbeiter- und Soldatenselbstorganisation jedoch auf die Neustadt, in der vor allem europäische Siedler lebten, beschränkt. In der von Muslimen bewohnten Altstadt sowie in den ländlichen Gebieten Turkestans fanden die Organisationen der Sozialrevolutionäre und Sozialdemokraten sehr wenig Anklang. Dafür gründeten viele Muslime je nach politischer Ausrichtung eigene Organisationen. Den fortschrittlichen Reformkräften standen konservative Großbauern und religiöse Würdenträger gegenüber. Hinzu kamen weitere Vereinigungen, beispielsweise die sozialrevolutionären Daschnaken der armenischen Siedler.
Im März 1917 vereinigten sich Arbeiter- und Soldatensowjet in Taschkent und setzten den letzten russischen Kolonialgouverneur ab. An dessen Stelle wollte die provisorische Regierung ein aus Einheimischen und Siedlern zusammengesetztes Gremium bilden, das jedoch nie real politische Macht entfalten konnte. Politisch zersplitterte Turkestan immer weiter. Als sozial drängendste Frage führte die Verteilung von Getreide zu Konflikten zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren. Nach der großen Erhebung des Jahres 1916 (siehe jW, 19.9.2016) fiel nun die Ernte in weiten Teilen Turkestans aus. Hinzu kam, dass die Mittelmächte die Ukraine nach dem »Brotfrieden« von Brest-Litowsk vereinnahmten. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Ukraine Turkestan mit Getreide versorgt, während die Anbauflächen in Zentralasien vor allem für Baumwolle genutzt wurden. Nachdem Deutschland die Ukraine aus dem russischen Einflussbereich herausgebrochen hatte, herrschte Hunger in Russisch-Turkestan.
Im September 1917 versuchte der Taschkenter Sowjet, in eben jener wichtigsten Stadt des Generalgouvernements Turkestan, die Macht zu ergreifen. Das gelang ihm nur teilweise, denn vor allem in der Altstadt hatte der Arbeiter- und Soldatenrat weiterhin keinen Rückhalt. Bis zum November 1917 gelang es den sowjettreuen Soldaten, die Truppen der Provisorischen Regierung in der Stadt zu vertreiben – doch die Entscheidung, wer Turkestan fortan dominieren würde, stand noch bevor.
Den Sieg gegen die Bürgerlichen in Taschkent nutzte der dortige Sowjet, um mit einer eigenen Außenpolitik zu beginnen. Zu diesem Zweck sandte der Arbeiter- und Soldatenrat Vertreter nach Persien und Afghanistan. Der Abgesandte in der nordostpersischen Stadt Mesched wurde von britischen Besatzungstruppen nach Indien verschleppt und verbrachte die folgenden Jahre im Exil. Der Vertreter für die afghanische Hauptstadt, Nikolai Brawin, begann Verhandlungen mit der Regierung in Kabul, verfügte jedoch über keinerlei Mittel, um mit Taschkent oder Moskau zu kommunizieren. Später wurde er der erste sowjetische Diplomat, der überlief und den Rest seines Lebens in Afghanistan verbrachte.
In den verschiedenen Gebieten Turkestans bildeten sich derweil immer mehr Regierungen, die den Anspruch vertraten, Russisch-Turkestan politisch führen zu wollen. Die kasachische Alasch-Orda-Partei bildete beispielsweise eine Autonomieregierung in der Steppe nördlich der bevölkerungsreichen Gebiete Russisch-Zentralasiens. Semipalatinsk, von den Kasachen umbenannt in Alash-qala, diente ihnen als Hauptstadt. In Kokand im Ferganatal trafen sich Großbauern, Intellektuelle und religiöse Würdenträger im November 1917 zu einem Außerordentlichen Muslimischen Kongress. Da der Sowjet in Taschkent eine Regierungsbeteiligung der Muslime ablehnte, bildeten Vertreter verschiedener muslimischer Strömungen in Kokand eine Gegenregierung. In dieser übernahmen mehrere Intellektuelle, die im europäischen Teil Russlands studiert hatten, wie Mustafa Tschokajew, Führungspositionen. Die folgenden zwei Jahre versank das frühere Generalgouvernement Turkestan im Chaos des Bürgerkriegs.

Das unabhängige Emirat

Weitgehend unabhängig davon entwickelte sich das Emirat Buchara, das seit der Oktoberrevolution wieder als unabhängiger Staat agierte. Im Land selbst sah sich der konservative Emir mit den Reformern der Dschadiden konfrontiert, konnte aber durch Repression verhindern, dass diese an Einfluss gewannen. Die Reformkräfte wollten die von ihnen so wahrgenommene Rückständigkeit überwinden, indem durch moderne Bildung und andere Neuerungen Buchara Anschluss an die politische und wirtschaftliche Entwicklung Europas finden konnte. Die Dschadiden standen im intellektuellen Austausch mit ähnlich orientierten Käften in der Türkei, auf der Krim, im Kaukasus, in Persien und in Afghanistan.
Der Vorsitzende des Taschkenter Sowjets, Fjodor Kolesow, erreichte am 17. März 1918 mit Rotarmisten aus Taschkent die Grenzen Bucharas. Kolesow sandte ein Ultimatum an Emir Mohammed Alim Khan, dass dieser eine konstitutionelle Monarchie einführen solle und solange kein Parlament gewählt sei, die Dschadiden die Funktion des Parlaments übernehmen sollten.2 Khan lehnte ab, und Kolesow blies zum Angriff. Auf der Seite des Emirs kämpften viele militärisch kaum ausgebildete Bucharer neben einer Reihe von früheren russischen Deserteuren sowie einer Handvoll ehemaliger deutscher und österreichisch-ungarischer Kriegsgefangener. Trotz der Schwäche der Verteidiger endete der Sturm der Roten Armee auf Buchara-Stadt innerhalb von zwei Tagen mit einem militärischen Desaster. Kolesow bat bereits am 19. März 1918 um Verhandlungen, eine Woche später unterzeichneten beide Seiten einen Friedensvertrag.
Die folgenden zweieinhalb Jahre agierte das Emirat Buchara unabhängig. Die Regierung des Emirs ließ das erste Mal Papiergeld drucken, die Dschadiden wurden verfolgt, und Buchara nahm diplomatische Beziehungen mit Afghanistan auf. Vertreter des Emirs erreichten sogar die britischen Truppen, die im Sommer 1918 mehrere Punkte entlang der Transkaspischen Eisenbahn im turkmenischen Teil Turkestans eingenommen hatten und eine menschewistische Regierung in Aschchabad (heute Aschgabad) verteidigten. Aufgrund des Bürgerkriegs in den anderen Teilen Russisch-Turkestans ließ Khan einen Teil seines Vermögens über Mittelsmänner in Britisch-Indien auf britische und französische Konten transferieren. Die Summe dieser Überweisungen betrug 182 Millionen Rubel3 – mehr Geld, als die russische Staatsbank vor dem Weltkrieg an Reserven im Ausland deponiert hatte.4 Das Emirat Buchara betrieb offiziell Handel mit den von den Sowjets regierten Teilen Turkestans. In diesen von Hungersnöten geplagten Gebieten war bucharisches Getreide sehr willkommen. Zudem benötigte die Rote Armee in Taschkent auch andere Güter, die aus dem Emirat kamen.5
Nach Kolesows Rückzug flohen rund 200 Dschadiden (in Anlehnung an die Jungtürken auch Jungbucharer genannt) nach Taschkent. Unabhängig von diesen Exilanten gründeten Turkestaner und Tataren in Taschkent die Bucharische Kommunistische Partei (BKP). Die Verbindungen dieser Gruppe zu Buchara blieben aber minimal. Die Dschadiden hingegen hielten im Exil das Untergrundnetzwerk aufrecht, das sie bereits in Buchara gepflegt hatten.
Der sowjetische Einflussbereich in und um Taschkent blieb isoliert von der eigentlichen Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik im russischen Kernland. Im Westen, dem heutigen Turkmenistan, standen die Briten mit einer menschewistischen Regierung. Nördlich Zentralasiens dominierte der weiße General Alexander Koltschak. In Chiwa, dem ehemals russischen Protektorat südlich des Aralsees herrschte ebenso Bürgerkrieg6 und in diese komplizierte Gemengelage hinein schob sich das unabhängige Emirat Buchara wie ein Riegel. Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin schrieb an Kolesow im August 1918: »Wir bereiten Hilfe zum Entsenden vor – können aber nichts versprechen!«7

Offensive in Turkestan

Erst in der zweiten Jahreshälfte 1919 kam es zur militärischen Entscheidung im vormaligen Russisch-Turkestan. Im Juli zogen sich die Briten von dort nach Persien zurück. Im August erlangte Afghanistan die Unabhängigkeit wieder, und die Regierung des Emirs in Kabul nahm diplomatische Beziehungen mit Sowjetrussland auf. Ab September flohen die weißen Truppen aus Orenburg durch die kasachische Steppe in die Gebiete des heutigen Kirgistans, damals meist Siebenstromland oder Semiretschiegebiet genannt. Im Oktober bildete dann das ZK der Kommunistischen Allunionspartei – Bolschewiki (AKP-B, wie die KPdSU damals hieß) die Turkkommission, welche fortan als wichtiger Transmissionsriemen zwischen der politischen Ebene in Turkestan und dem Zentrum im Moskau fungierte. Zu eben jener Zeit gelang auch der Durchbruch entlang der Transkaspischen Eisenbahn. Die Rote Armee aus dem Zentrum konnte erstmals Truppen nach Taschkent schicken. Als eine der ersten politischen Maßnahmen setzte Moskau die Entmachtung des dortigen Sowjets durch. Fortan sollten neben europäischen Siedlern reformorientierte Usbeken, Tadschiken und Turkmenen in die Regierungsarbeit integriert werden.
Im Februar 1920 erreichte der 1885 im Siebenstromland geborene Michail Frunse Taschkent. Der Oberbefehlshaber der Ostfront der Roten Armee sprach fließend Kasachisch und hatte sich als Kommandeur im Kampf gegen Koltschaks Truppen bewiesen. Mit ihm erreichten die kampferprobte erste und die vierte Armee das politische Zentrum Zentralasiens. Die beiden Verbände mit über 120.000 Mann bestanden zu Teilen aus Baschkiren und Tataren, also Muslimen aus dem Wolga-Ural-Gebiet, und brachten Artillerie, Flugzeuge und Panzerzüge nach Turkestan.8 Eine Streitmacht, wie sie in Turkestan noch nie gesehen worden war.
Der Armee unter dem Kommando von Frunse gelang es, alle größeren Bevölkerungszentren entlang der Transkaspischen Eisenbahn einzunehmen. Sie schlug Koltschaks letzte Truppen im Siebenstromland in die Flucht und marschierte sogar in das Iligebiet in Chinesisch-Turkestan (Xinjiang) ein. Vom November 1919 bis Februar 1920 kam es auch zu Kämpfen auf dem Territorium Chiwas. Das Khanat regierte offiziell ein usbekischer Emir. Die reale Macht dort besaß aber Junaid Khan, ein turkmenischer Heerführer. Sowjetische Vertreter vor Ort inszenierten einen Coup d’état, um das Regime zu stürzen.9 Khan floh in die Wüste und organisierte für viele Jahre den antisowjetischen Widerstand im Dreiländereck Afghanistan, Persien und Turkmenistan.
Das eigenmächtige Vorgehen einiger Sowjetfunktionäre vor Ort jedoch sorgte für Unmut in Moskau. Lenin schlug dem ZK der AKP-B im März 1920 vor, dass die Turkestanische ASSR keine außenpolitischen Entscheidungen mehr treffen dürfe.10 Dieses wichtige Politikfeld sollte in Moskau gebündelt werden. Nicht nur außen-, sondern auch innenpolitisch zog Moskau die Zügel an: General Frunse löste ausschließlich von russischen Siedlern dominierte Sowjets auf. In deren Reihen stieg die Ablehnung der Turkkommission, die angeblich zu sehr den Forderungen der Einheimischen nachgab.
In Chiwa trat im April 1920 erstmals der Kurultai, also das Parlament, zusammen. Die Vertreter proklamierten die Choresmische Sowjetische Volksrepublik (ChSVR) und verabschiedeten die erste Verfassung. Sowohl usbekische Reformer der sogenannten Jungchiwaer als auch traditionell orientierte Turkmenen traten in die Regierung ein. Der Roten Armee gelang es bis Ende des Jahres, den militärischen Widerstand in der ChSVR weitestgehend zu brechen, aber die internen Widersprüche in der jungen Republik führten anhaltend zu politischen Komplikationen.

Die Bucharische Sowjetrepublik

Nach dem Fall von Chiwa blieb allein das Emirat Buchara als nicht-sowjetisches Einflussgebiet im früheren Russisch-Zentralasien. Die Jungbucharer versuchten, dort politischen Widerstand gegen das reaktionäre Regime von Emir Alim Khan zu organisieren, doch es gelang ihnen nicht. Alim Khan erhielt Unterstützung aus Afghanistan, dessen Emir ein doppeltes Spiel mit den Sowjets spielte: Einerseits nahm Emir Amanullah Khan Unterstützung aus Moskau an und nutzte den russischen Einfluss gegen die Briten, andererseits setze er auf eine Nordexpansion – entweder Merw oder Buchara sollten als neues afghanisches Staatsterritorium annektiert werden. Der Emir sandte ein Expeditionskorps mit Kriegselefanten nach Buchara und stärkte damit die schwachen Streitkräfte des bucharischen Emirats.
Grigori Broido, der 1917 an der Regierungsübernahme der Sowjets in Taschkent teilgenommen hatte und 1918 nach Moskau reiste, kam 1920 als überzeugter Vertreter der Zentralgewalt nach Turkestan zurück. In einem Brief im Frühjahr 1920 schrieb er Lenin, dass ein Einmarsch in Buchara nicht als Befreiung, sondern als Besatzung wahrgenommen würde. In dem Falle stünde der Roten Armee und den wenigen mit den Sowjets in Buchara verbündeten Kräften ein langjähriger Krieg bevor.11 Man hörte nicht auf ihn – doch Broido sollte recht behalten.
Frunse dekretierte derweil, dass mit der Rekrutierung von Zentralasiaten für die Rote Armee begonnen werden sollte. Zu den kampferprobten Truppen aus dem russischen Kernland sollten insgesamt 35.000 Einheimische hinzukommen. Die Mobilisierung endete katastrophal, letztendlich händigten die Rotarmisten Usbeken, Tadschiken und Turkmenen Waffen aus, welche diese dann im Kampf gegen die Sowjetmacht nutzten. Sie schlossen sich Untergrundgruppen an, die von den Sowjets als »Basmatschi« (ein an das Turkwort für Räuber angelehntes Kunstwort) bezeichnet wurden. Dieser Sammelbegriff vereinte Tausende, die aus den unterschiedlichsten Motiven gegen die Sowjets oder teilweise auch nur um Getreide kämpften. Frunse wähnte Buchara als Vorposten britischen Einflusses in Zentralasien. Immer mehr Nachrichten gingen nach Moskau, in denen über angebliche britische Operationen in dem kleinen relativ isolierten Emirat berichtet wurde. Walerian Kuibyschew, Politkommissar der ersten und vierten Sowjetarmee, beschrieb Buchara als »Karawanserei der Konterrevolution«.12

Aufgrund der vielen Berichte über die angeblichen britischen Aktivitäten in Buchara stimmte Moskau den Plänen, Buchara einzunehmen, zu. Dafür sollte jedoch auch auf lokale Kräfte gesetzt werden. Frunse erreichte, dass sich die Dschadiden mit ihrem jungbucharischen Netzwerk und die von Tataren dominierte Bucharische Kommunistische Partei zusammenschlossen.13 Die neue BKP hatte fortan zwar eine größere Mitgliederzahl, aber weiterhin geringen Rückhalt in Buchara selbst. In dem relativ kleinen westbucharischen Tschardschou gelang es BKP-Kadern am 28. August 1920, die Stadt zu übernehmen. Gleichzeitig mit dem Kleinstaufstand begann der Einmarsch der Roten Armee. Schon zwei Tage später standen Rotarmisten vor den Toren der Hauptstadt Buchara-Stadt. Innerhalb weniger Tage nahmen die Sowjetsoldaten große Teile des Landes ein, am 2. September kapitulierte auch Buchara-Stadt. Emir Alim Khan floh nach Ostbuchara in das Pamirgebirge. Frunse sandte an Lenin ein Telegramm, dass »das rote Banner der Weltrevolution triumphierend auf dem Registan wehe«, dem zentralen Platz der Altstadt.15 Am 8. Oktober proklamierten BKP-Kader die Bucharische Sowjetische Volksrepublik. Fajsulla Chodschajew übernahm den Vorsitz des Rates der Volksnazire, also die Regierung. Für die Zivilbevölkerung Russisch- und später Sowjetisch-Turkestans waren die Jahre von 1917 bis 1920 eine Katastrophe. Durch Krieg, Bürgerkrieg, Krankheiten, Hungersnöte und Fluchtbewegungen in die benachbarten Länder sank die Einwohnerzahl von sechs Millionen auf 4,7 Millionen.15 Eine soziale Revolution gab es lediglich 1917 in der Neustadt von Taschkent und einigen Gebieten des Siebenstromlandes. In dem politisch und militärisch zersplitterten Gesamtgebiet Turkestans gelang es lange Zeit keiner Kraft, sich als Autorität zu etablieren. Verkomplizierend kamen der britische Einmarsch in Turkmenistan, die expansive Rolle Afghanistans und die Angst führender sowjetischer Vertreter vor Intrigen dieser beiden Länder hinzu. Mit dem Einmarsch der Roten Armee in Buchara endete der Russische Bürgerkrieg in Zentralasien. Die Sowjetmacht kontrollierte alle Bevölkerungszentren, die bis 1917 unter direkter oder indirekter russischer Zarenherrschaft gestanden hatten, und konnte mit dem Aufbau ihrer Republiken beginnen. Exemir Alim Khan organisierte aus den Bergen Ostbucharas jedoch noch Widerstand der Basmatschi. Ihre Gegenwehr zog sich in Teilen Bucharas und angrenzender Gebiete noch bis in die 1930er Jahre hinein.

Anmerkungen

1 Gero Fedtke: Roter Orient – Muslimkommunisten und Bolschewiki in Turkestan (1917–1924), Wien/Köln/Weimar 2020, S. 77/78

2 Adeeb Khalid: Making Uzbekistan – Nation, Empire, and Revolution in the Early USSR, Ithaca/London 2015, S. 119

3 Reinhard Eisener: Bemerkungen zum Exildasein des letzten Emirs von Buchara in Afghanistan, in: Forschungsforum, Heft 2/1990, S. 128–132, hier: S. 129

4 Mikhail V. Khodjakov: Money of the Russian Revolution: 1917–1920. Newcastle upon Tyne 2014, S. 2

5 Adeeb Khalid: Central Asia between the Ottoman and the Soviet Worlds, in: Kritika, Jg. 12 (2011), Nr. 2, S. 451–476, hier: S. 459

6 Dov B. Yaroshevski: The Central Government and Peripheral Opposition in Khiva, 1910–24, in: Yaacov Ro’i (Hrsg.): The USSR and the Muslim World – Issues in Domestic and Foreign Policy. London 1984, S. 16–39

7 Lenin an Kolesow, 23. August 1918, in: Lenin: Collected Works. Moskau 1975, Jahrgang 44, S. 140–141

8 Alexander Marshall: Turkfront – Frunze and the development of Soviet counter-insurgency in Central Asia, in: Tom Everett-Heath (Hrsg.): Central Asia – Aspects of transition. London/New York 2003, S. 5–29, hier: S. 9

9 ?. ?. ?????: »??????????? ?????????«, ??? ?????????? ??????????? ? ????, in: ??????, Jg. 45 (2000), Nr. 2, S. 5–26

10 Lenin an das Politbüro, 24. März 1920, in: Lenin: Collected Works, a. a. O., S. 362

11 Stephen Kotkin: Stalin: Paradoxes of Power, 1878–1928. New York 2014, S. 373

12 ?. ?. ???????: ???? ???????? ?????????? ? ????? ???????? »?????????? ?????????« (1920–1921), in: ??????? ?????????, Jg. 17 (2012), Nr. 1, S. 185–190, hier: S. 186

13 Khalid: Central Asia between the Ottoman and the Soviet Worlds, a. a. O., S. 459 14 ???????: ???? ???????? ?????????? ? ????? ???????? »?????????? ?????????« (1920–1921), a. a. O., S. 186

15 Marco Buttino: Study of the Economic Crisis and Depopulation in Turkestan, 1917–1920, in: Central Asian Survey, Jg. 9 (1990), Nr. 4, S. 59–74, hier: S. 69

Erschienen in: junge Welt, 31.08.2020.

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