»Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.« — Václav Havel
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David X. Noack

Geschichte und internationale Politik im linken Fokus

Bewaffnete Neutralität

Vor 80 Jahren versenkte die britische Marine die französische Mittelmeerflotte im algerischen Mers-el-Kébir, ein jahrelanger Konflikt Vichy-Frankreichs mit den Alliierten begann

Nach fast einem Jahrtausend der Rivalität schlossen die britische und die französische Regierung im April 1904 ein historisches Abkommen und begründeten mit diesem ein »herzliches Einverständnis« (»Entente cordiale«). Die früheren Rivalen wurden erstmals zu dauerhaften Partnern. Vor allem in den Bereichen Kultur, Sport und Wirtschaft rückten beide Mächte näher zusammen. So flog beispielsweise fünf Jahre nach dem Abkommen der französische Flugzeugpionier Louis Blériot das erste Mal über den Ärmelkanal nach Großbritannien. Als im Sommer 1914 Deutschland den Ersten Weltkrieg vom Zaun brach, wurde die Partnerschaft erstmals militärisch auf die Probe gestellt. Im Rahmen der »British Expeditionary Force« (BEF) entsandte die Regierung in London Soldaten nach Frankreich. Ab 1916 verteidigten gleichzeitig mehr als zwei Millionen britische Soldaten französischen Boden an der Westfront. Über die rund vier Kriegsjahre verteilt dienten dort insgesamt 5,4 Millionen Briten, von denen 2,3 Millionen starben. Nachdem US-amerikanische Truppen die Westfront verstärkt hatten, gewannen Briten und Franzosen mit ihrem neuen Partner aus Übersee den Krieg im Westen. Die »Entente cordiale« hatte sich im Krieg bewiesen.

Im nordfranzösischen Compiègne unterzeichneten Vertreter der britischen, französischen und deutschen Armeen einen Waffenstillstand. In den Friedensverhandlungen in dem Pariser Vorort Versailles 1919/1920 dominierten dann britische und französische Politiker die neuen Abkommen. Die USA wiederum zogen sich militärisch aus Europa zurück und konzentrierten sich verstärkt auf ihre Kolonien und Einflussgebiete in Asien, Mittelamerika und Ozeanien, während die Pariser und Londoner Regierung die vormaligen deutschen Kolonien untereinander aufteilten. Kapitalfraktionen beider Länder konkurrierten in Deutschlands traditioneller Einflusssphäre Ostmitteleuropa – unterstützt von ihrer jeweiligen Regierung.¹ Das aggressive Vorgehen der französischen Regierung in der Frage der Kontrolle des Ruhrgebietes und im Falle der von mehreren Kolonialmächten gemeinsam verwalteten marokkanischen Stadt Tanger sorgte bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit für Spannungen zwischen Paris und London. Das »herzliche Einverständnis« bekam erste Risse. London und Paris hatten den Weltkrieg gewonnen, entfremdeten sich aber in der darauf folgenden Friedenszeit. Immer wieder kam es in den folgenden zwei Jahrzehnten zu Spannungen.²

Beginn des Zweiten Weltkrieges
Mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 begann nach zwei Jahrzehnten der anglo-französischen Dominanz in Ostmitteleuropa – und großen Teilen der Welt – der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Regierungen in London und Paris erklärten Deutschland den Krieg – unternahmen in der Folge allerdings wenig. Hauptsächlich konzentrierten sie sich auf eine Seeblockade Deutschlands und die wirtschaftliche Kriegführung. Wie im Ersten Weltkrieg landete eine »British Expeditionary Force« an der französischen Küste, und die britischen Soldaten nahmen ihre Stellungen im Norden Frankreichs ein. In der Phase des sogenannten Sitzkrieges unternahmen die britische und französische Militärführung jedoch so gut wie nichts. Ein kurzer Vorstoß französischer Truppen ins Saarland im September 1939 endete für die Alliierten in einem kleinen militärischen Desaster zwischen Saarlouis, Saarbrücken und Hornbach. In den acht folgenden Monaten gab es überhaupt keine militärischen Großoperationen der britischen und französischen Armee mehr. Vielmehr planten Strategen in London und Paris, den Krieg aus Westeuropa wegzutragen – beispielsweise nach Finnland, auf den Balkan oder später in den auf sowjetischem Territorium liegenden Kaukasus.³ Mit einer Bombardierung des ölreichen Aserbaidschans planten französische und britische Militärs, Deutschland von der kriegswichtigen Ölzufuhr abzuschneiden. Im März 1940 flog sogar eine Aufklärungsmission von britischen Stützpunkten im Irak aus nach Baku.

All diese Pläne erübrigten sich, als die Wehrmacht am 10. Mai 1940 die Benelux-Staaten und Frankreich überfiel. Die Deutschen stießen so schnell vor, dass bereits fünf Tage später der französische Premier Paul Reynaud bei seinem kurz zuvor ins Amt gekommenen britischen Amtskollegen Winston Churchill anrief und ihm mitteilte: »Wir wurden besiegt! Wir sind geschlagen!« Die »britische Bulldogge«, wie Churchill von seinen Feinden genannt wurde, glaubte Reynaud nicht und sprach ihm Mut zu. Die deutschen Geländegewinne gingen rasch weiter, und am 20. Mai begann die britische Militärführung mit der Planung der Evakuierung der BEF-Truppen. Wiederum gerade einmal sechs Tage später begann die Schlacht von Dunkerque (Dünkirchen) nahe der belgisch-französischen Grenze, im Zuge welcher die Briten über 300.000 westalliierte Soldaten aus Kontinentaleuropa abzogen.? Die westalliierten Truppen auf dem Kontinent verloren binnen kürzester Zeit erheblich an Kampfkraft.

Kurz darauf tauschte der französische Ministerpräsident den Oberbefehlshaber der Armee aus. Der prinzipientreue Republikaner, aber erfolglose Stratege, Maurice Gamelin musste Maxime Weygand weichen. Letzterer, eine Gallionsfigur der französischen Rechten und ein ehemaliger Direktor der britisch-französischen Suezkanal-Gesellschaft, reiste dafür aus dem französischen Mandatsgebiet Syrien an. Philippe Pétain, französischer Held des Ersten Weltkriegs, erhielt außerdem den Posten des Vizepremiers. Die Rechten in der Regierung wurden angesichts der schnellen deutschen Vorstöße politisch immer stärker.

Am 10. Juni verließ die Regierung Paris und siedelte nach Bordeaux über, da die Deutschen kurz davor standen, die Hauptstadt zu besetzen. Nach weiteren Vorstößen der Wehrmacht plädierten vor allem die Rechten in Regierung und Militär für einen Waffenstillstand mit den Deutschen. Forschungen werfen immer wieder die Frage auf, inwiefern Teile der französischen Elite den Sturz der Republik aktiv beförderten, um ein autoritäres Regime zu errichten. Bereits vor dem Krieg hatten Oligarchen des Automobilkonzerns Renault und des Kosmetikkonzerns L’Oréal die faschistische Organisation »La Cagoule« (»Die Kapuze«) unterstützt.? Bankiers der Banque Worms wiederum, die vor allem in der Überseeschiffahrt und den Kolonien stark engagiert war, finanzierten ab 1936 die faschistische Volkspartei. Der Wandel hin zu einem autoritären Regime – wie von Teilen des französischen Kapitals bereits seit Jahren gewollt – vollzog sich schließlich im Zuge der militärischen Niederlage gegen Deutschland.

Fragwürdige Neutralität
Am 16. Juni 1940 übernahm Pétain das Amt des Premierministers, eine Woche später unterzeichneten Vertreter des deutschen und französischen Militärs den zweiten Waffenstillstand von Compiègne. Dieser sah eine Besatzung von drei Fünfteln des französischen Mutterlandes – unter anderem der gesamten Atlantikküste, der industriell geprägten Gebiete des Nordens und der Hauptstadt Paris – vor. In Wiesbaden wurde die Deutsche Waffenstillstandskommission gegründet, mit der eine französische Delegation die Einhaltung des Waffenstillstandes, aber auch französische Militäraktionen in Übersee, besprach. Frankreich schied aus dem Krieg offiziell aus, trat jedoch nicht den Achsenmächten bei. Die Regierung von Pétain verfolgte fortan einen Kurs der »bewaffneten Neutralität«.

Die britische Regierung musste sich mit den neuen Realitäten in Westeuropa und den Kolonien arrangieren. Der konservative General Charles de Gaulle, im Juni 1940 kurzzeitig Unterstaatssekretär im Kriegsministerium, floh nach London und hielt seine Rede für ein »Freies Frankreich« über das Radio. Seiner Exilregierung schlossen sich zunächst nur die Gouverneure der relativ unbedeutenden französischen Indien- und Südpazifik-Kolonien an. Einen großen Rückhalt genoss de Gaulle nicht.

Die französischen Kolonien West- und Nordafrikas hielten der Pétain-Regierung die Treue. Für Großbritannien bedeutete das, dass die starke französische Mittelmeerflotte offiziell nicht mehr am Krieg beteiligt war und den Deutschen in die Hände fallen könnte. Am 24. Juni erreichte deswegen Admiral Sir Dudley North die westalgerische Hafenstadt Mers-el-Kébir. Der Oberbefehlshaber der britischen Marinekräfte im Nordatlantik sollte den dortigen französischen Kommandeur überzeugen, dass deren Mittelmeerflotte den Briten übergeben werden oder in die Karibik ausweichen sollte. North scheiterte mit dem Anliegen ebenso wie ein paar Tage später der Kommandeur der HMS »Ark Royal«, des damals modernsten britischen Flugzeugträgers.? Die Nichtkooperation der französischen Militärchefs in Mers-el-Kébir verkomplizierte die Lage für die Briten. Eine Übernahme der modernisierten französischen Mittelmeerflotte durch die Deutschen und Italiener hätte das Kräfteverhältnis im Mittelmeer deutlich zugunsten der Achsenmächte verschoben. Britische Versorgungslinien nach Ägypten und über den dortigen Suezkanal auf die arabische Halbinsel, nach Britisch-Indien und Australien wären bedroht gewesen.

Seeschlacht mit Folgen
Angesichts dieser Lage fällte Churchill eine Entscheidung, die er später als die »schmerzhafteste« seiner gesamten politischen Karriere bezeichnete: Trotz zuvor erfolgter gegenteiliger Zusagen an die Franzosen orderte er die »Force H« – das damalige britische Pendant einer Westmittelmeerflotte – an, die französische Flotte in Mers-el-Kébir zu versenken. Am Abend des 3. Juli startete ein britischer Verband um den Flugzeugträger HMS »Ark Royal« den Angriff auf die im Hafen liegende französische Mittelmeerflotte. Um 17 Uhr trafen mehrere Geschosse das dortige Flaggschiff »Bretagne«. Nach mehreren Explosionen kippte das Schiff bereits zehn Minuten später und sank. Sieben weitere Kriegsschiffe wurden durch den Überraschungsangriff teilweise schwer beschädigt, mehr als 1.000 französische Seeleute starben. Insgesamt kamen 1.300 Franzosen während des Militärschlags ums Leben. Auf der anderen Seite fanden nur zwei Briten den Tod. Briten und Franzosen, die bis einen Monat zuvor in Nordfrankreich gemeinsam gekämpft hatten, standen sich fortan feindlich gegenüber – das »herzliche Einverständnis« war Geschichte.

Im Ergebnis errang die britische Marine durch die Ausschaltung der französischen Mittelmeerflotte einen taktischen Sieg. Politisch stärkte diese Aktion jedoch die autoritäre und deutschfreundliche Rechte in Frankreich. Als sich am 10. Juli das Parlament im mittelfranzösischen Kurort Vichy traf, stimmte es mit überwältigender Mehrheit für die Übertragung aller politischen Macht an Pétain. Die Dritte Republik fand ihr Ende. Das autoritäre Vichy-Frankreich war geboren.

Der neue »Französische Staat« (»État français«) blieb im Krieg politisch neutral, wenn auch dezidiert antibritisch eingestellt. Diplomatische Beziehungen nach London gab es nicht. Am 18. Juli bombardierte die Vichy-Luftwaffe sogar die britische Kronkolonie Gibraltar, konnte dabei jedoch nur geringe Schäden anrichten. Ende September 1940 versuchte eine Flotte aus britischen und weiter auf Seiten der Alliierten kämpfenden freifranzösischen Verbänden Dakar, den wichtigsten Hafen Westafrikas, zu übernehmen. Die deutliche Niederlage, die die Flotte dort jedoch erlitt, reduzierte den Wert dieser freifranzösischen Verbände de Gaulles deutlich. Lediglich in Französisch-Mittelafrika konnten im November 1940 freifranzösische Truppen aus dem Tschad, Kamerun und Kongo das benachbarte vichy-treue Gabun übernehmen. General de Gaulle verlegte daraufhin symbolisch die Hauptstadt des Freien Frankreichs in die Hauptstadt des Kongos, Brazzaville.

Vichy-Frankreich besaß ein Kolonialreich von Mittelamerika? über Westafrika, Madagaskar, Indochina (das nur nominell französisch blieb, die dortige Wirtschaft übernahm das japanische Kaiserreich) bis nach Wallis und Futuna, einer kleinen Inselgruppe im Zentralpazifik. Die energische Verteidigung Dakars durch Vichy-Truppen überzeugte Hitler in Berlin, dass ein »bewaffnet-neutrales« Frankreich für den Kriegsverlauf wertvoller war als das durch den bis 1939 dauernden Bürgerkrieg darniederliegende Spanien. Bitten aus Madrid, die spanischen Kolonien um französische Gebiete zu erweitern, lehnte der deutsche Diktator ab. Das faschistische Spanien besetzte lediglich die Stadt Tanger.? Vichy-Frankreich beherrschte weiterhin das zweitgrößte Kolonialreich der Welt.

Das Zurückdrängen Vichy-Frankreichs
Das Besondere an der Zeit der bewaffneten Neutralität von 1940 bis 1942 war, dass Vichys Truppen zwar immer wieder Krieg gegen britische Truppen führten, die Regierung des Landes aber ganz normale diplomatische Beziehungen mit Kanada und den USA pflegte. In ihrem »Vichy Gamble« versuchte die US-Regierung, den Kontakt mit auf Freihandel orientierten Politikern und Kapitalgruppen in Vichy-Frankreich zu kultivieren.? Im Sinne dieser Strategie betrieben die USA Handel mit den Vichy-Kolonien in Nordafrika – ausgenommen blieben nur Güter, die auch für Rüstungszwecke genutzt werden konnten. Als Botschafter sandte US-Präsident Franklin D. Roosevelt seinen Vertrauten William D. Leahy, einen Flottenadmiral und vormaligen Kolonialgouverneur von Puerto Rico, nach Vichy. Der US-Militär sollte sich mit der militärisch geführten Regierung besser einigen können als ein ziviler Diplomat.

Kanada schloss sich der US-Linie an. In dem Dominion, das nach wie vor den britischen König als formales Staatsoberhaupt hatte, war seit den 1930er Jahren ein außenpolitisches Establishment entstanden, welches sich in Abgrenzung von Großbritannien eng an die USA anlehnte. Außerdem gab es im französischsprachigen Teil, insbesondere in Québec, viele Sympathien für das autoritäre Vichy-Frankreich. Kanadische Behörden standen zudem im nachbarschaftlichen Austausch mit der vichy-treuen Kolonialadministration der vor der kanadischen Ostküste gelegenen Inselgruppe Saint-Pierre und Miquelon.

In Frankreich selbst übernahm im Februar 1941 der dezidiert antibritisch eingestellte Admiral François Darlan das Amt des Premierministers. Der frühere Marineminister – der stets betonte, dass sein Britenhass Familientradition sei – wollte die Rolle seines Landes stärken, indem die Kolonien intensiver ausgebeutet werden und die französische Seemacht an Bedeutung gewinnen sollte. Unter Darlan rückte die Gruppe der Banque Worms ins politische Zentrum. Viele frühere Angestellte der Bank übernahmen Regierungsposten und verdreifachten dadurch bis zur Befreiung Frankreichs das Vermögen der Kollaborateursbank.

Trotz der erklärten »bewaffneten Neutralität« und diversen Arrangements mit den US-Amerikanern in der Karibik und dem südamerikanischen Guyana, wurde Vichys Kolonialreich mit jedem Kriegsjahr kleiner. 1941 konnten freifranzösische Schiffe im Handstreich Saint-Pierre und Miquelon einnehmen. Im selben Jahr marschierten britische und indische Truppen vom Irak aus bis nach Syrien und Libanon, deren Kolonialregierungen Pétain die Treue geschworen hatten. Von den dort gelegenen Flugplätzen aus operierten auch deutsche und italienische Flugzeuge, die Ziele im Irak und in Palästina bombardierten. Britische, französische und tschechoslowakische Truppen setzten dem ein Ende.

Im Jahr 1942 setzte sich die Reihe der Niederlagen der Vichy-Franzosen in den Kolonien fort. Im Mai nahmen Freifranzosen Wallis und Futuna ein, im Verlauf des Sommers und Herbstes eroberten die Briten Madagaskar. Den Todesstoß für die vichy-französischen Überseebesitzungen setzten die Westalliierten im November, als über 100.000 Briten, Freifranzosen und US-Amerikaner in Französisch-Marokko und Algerien landeten. Letzteres Gebiet hatte Paris zum Teil des Mutterlandes erklärt, und somit befreiten die Westalliierten im November 1942 nicht nur vichy-französische Kolonien, sondern erstmals einen Teil des »Kernlandes«.

François Darlan, der auf deutschen Druck hin im Januar 1942 als Premierminister zurücktreten musste, setzte sich an die Spitze der französischen Truppen in Algerien und befahl den lokalen Einheiten, zu den Alliierten überzulaufen. US-General Dwight D. Eisenhower erkannte zwar Darlan an, um den eigensinnigen General de Gaulle auszubooten, doch ein vormaliger Widerstandskämpfer ermordete einen Monat nach dem Coup in Algier den unter echten Résistance-Kämpfern äußerst unbeliebten Darlan. Henri Giraud, ein eigentlich vichy-treuer General, mit dem die US-Amerikaner seit Jahren geheim verhandelt hatten, bildete daraufhin mit de Gaulle im Juni 1943 das Komitee für die nationale Befreiung, welches alle antifaschistischen Kräfte Frankreichs vereinen sollte. Für Vichy-Frankreich bedeutete diese Entwicklung das Ende aller Überseeträume. Die Karibikkolonien liefen ebenso zu den Freifranzosen über wie Französisch-Westafrika. Die Vichy-Regierung gab zwar noch vor, ein Kolonialreich zu besitzen, etwa durch die Herausgabe von Briefmarken mit Kolonialmotiven, aber eine echte Kontrolle über Kolonien besaß sie nicht mehr.

Als Reaktion auf die westalliierte Besatzung Französisch-Nordafrikas marschierten deutsche Truppen in Südfrankreich ein und beendeten damit die Zeit der unbesetzten »Freien Zone«. Pétains Regierung wurde immer mehr zu einem deutschen Marionettenregime, dessen Mitglieder zuletzt sogar ins württembergische Sigmaringen flohen.

Die Geschichte der »bewaffneten Neutralität« Vichy-Frankreichs vom Sommer 1940 bis Herbst 1942 mitsamt dem britischen Angriff von Mers-el-Kébir ist ein oft übersehener Abschnitt der französischen Geschichte. Mit der Unterstützung reaktionärer Kapitalgruppen, der Marine und diverser faschistischer Kleingruppen entstand ein autoritäres Staatsgebilde, welches kurzzeitig über das zweitgrößte Kolonialreich der Welt herrschte. In den meisten französischen Kolonien bestärkte diese kurze Zeit eines »unmaskierten Kolonialismus« durch Vichy-Behörden die Befreiungsbewegungen. In den 1950er und 1960er Jahren erlangten alle größeren Überseegebiete die politische Unabhängigkeit.

1 Alice Teichova: Internationale Großunternehmen: Kartelle und das Versailler Staatssystem in Mitteleuropa. Stuttgart 1988; Alice Teichov/Penelope Ratcliffe: British Interests in Danube Navigation After 1918, in: Business History, Jg. 27 (1985), Nr. 3, S. 283–300

2 Vgl. Arthur Turner: Anglo-French Financial Relations in the 1920s, in: European History Quarterly, Jg. 26 (1996), S. 31–55, hier: S. 31

3 Charles O. Richardson: French Plans for Allied Attacks on the Caucasus Oil Fields January–April, 1940, in: French Historical Studies, Jg. 8 (1973), Nr. 1, S. 130–156

4 Neben britischen Truppen wurden auch indische Kolonialtruppen und Soldaten der polnischen Westarmee und kleinere Kontingente anderer Staaten evakuiert.

5 Bertram M. Gordon: The Condottieri of the Collaboration: Mouvement Social Revolutionnaire, in: Journal of Contemporary History, Jg. 10 (1975), Nr. 2, S. 261–282

6 Jonathan Sutherland/Diane Canwell: Vichy Air Force at War: The French Air Force that Fought the Allies in World War II. Barnsley 2011, S. 18/19

7 David X. Noack: Von Vichy nach Martinique, amerika21.de, 29.05.2020

8 Norman J. W. Goda: Franco’s Bid for Empire: Spain, Germany, and the Western Mediterranean in World War II, in: Mediterranean Historical Review, Jg. 13 (1998), Nr. 1–2, S. 168–194

9 Kees van der Pijl: The Making of an Atlantic Ruling Class. London/New York, 2012, S. 121–127

Erschienen in: junge Welt, 03.07.2020.

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