»Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.« — Franklin D. Roosevelt
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David X. Noack

Geschichte und internationale Politik im linken Fokus

Kurzlebiges Experiment

Vor 100 Jahren proklamierten Kommunisten die Slowakische Räterepublik – sie bestand kaum drei Wochen

Am 16. Juni 1919 proklamierte eine Gruppe von Kommunisten in der ostslowakischen Kleinstadt Prešov vor Tausenden Schaulustigen die Slowakische Räterepublik (SRR). Der Slowake Štefan Stehlík las den Anwesenden eine Erklärung (siehe unten) vor, mit der die neue Regierung ihre Ziele bekanntgab. Neben Stehlík hatten verschiedene slowakische, tschechische und ungarische Kommunisten das Zusammentreffen organisiert. Ab dem 20. Juni tagte im etwa 30 Kilometer südlich gelegenen Košice das Provisorische Revolutionäre Exekutivkomitee der SRR mit dem böhmischen Journalisten Antonín Janoušek als Vorsitzendem.

Einer der in Prešov Anwesenden war Béla Domjan, der Stadtkommandant der ungarischen Roten Armee. Ohne die Kampfkraft dieser Streitmacht hätten die slowakischen und tschechischen Kommunisten die SRR kaum gründen können. Unmittelbar nach dem Kriegsende in Westeuropa hatten der Entente anhängende Politiker in Prag die Tschechoslowakische Republik proklamiert. Doch zunächst kontrollierten die mehrheitlich tschechischen Politiker und Militärs lediglich Böhmen, Mähren, einen Teil Schlesiens und die westliche Slowakei. Am 27. April 1919 gab der rechtssozialdemokratische Verteidigungsminister Václav Klofá? den Marschbefehl für die neu zusammengestellte Armee. Zwei Divisionen von circa 12.000 Mann marschierten nach Südosten, um die gesamte Slowakei sowie das noch weiter östlich gelegene Ruthenien einzunehmen. Als die Tschechoslowaken in ungarisches Gebiet eindrangen, begann die Budapester Rote Armee eine Gegenoffensive. Anfang Juni befreiten die Rotarmisten Košice. Die Prager Truppen flohen überstürzt.

Erste Maßnahmen

Mit den ersten Dekreten verstaatlichte das Exekutivkomitee der Slowakischen Räterepublik die Fabriken, Banken und den Großgrundbesitz und führte eine in Budapest gedruckte neue Währung ein. Darüber hinaus zahlte die Räteregierung Alters- und Invalidenrenten. Letztere waren vor allem für ehemalige Kriegsteilnehmer gedacht. Kleinbauern wurden von allen Steuern befreit, zudem wurden ihnen alle Schulden erlassen. Außerdem verbot die neue Regierung den Transport von Alkohol, so dass der Verkauf alkoholischer Getränke öffentlich so gut wie gar nicht mehr stattfand.

Neben einigen tschechischen Intellektuellen gehörten der Slowakischen Kommunistischen Partei hauptsächlich ungarische Mitglieder an. Die Slowakei, die bis zum Ersten Weltkrieg kaum industrialisiert war, hatte lediglich eine kleine Arbeiterklasse in den südlichen Gebieten, in denen vor allem Ungarn siedelten. Im Norden wiederum lebten hauptsächlich slawische Bauern, die den kommunistischen Ideen meist ablehnend gegenüberstanden.

Als eine besondere Maßnahme in dem multiethnisch besiedelten Gebiet legte das Exekutivkomitee fest, dass alle Regierungsdokumente in allen Dialekten der Region veröffentlicht werden sollten. Die Regierungszeitungen erschienen dementsprechend in drei verschiedenen slowakischen Dialekten, der kaum gesprochenen slowakischen Schriftsprache sowie dem Ungarischen.

Viele der vom Exekutivkomitee proklamierten revolutionären Veränderungen wurden in der Praxis kaum umgesetzt. Im Falle der Großbauern enteignete die Regierung Grund und Boden, teilte die Flächen aber nicht zwischen den Kleinbauern und Landlosen auf. Um die Äcker selbst zu bewirtschaften, fehlte es an fähigem Personal. In der Konsequenz setzten SRR-Offizielle dann die vormals enteigneten Großbauern als staatliche Administratoren ein. Real verändert hatte sich dadurch wenig.

Auch die vielbeschworene slowakische Unabhängigkeit existierte lediglich auf dem Papier. Die Rote Armee in der Slowakei blieb eine ungarische, und in Budapest strebte die dortige Räteregierung eine mittelosteuropäische Föderation an. Das slowakisch-ungarische Verhältnis sollte nach dem Beispiel des ukrainisch-russischen im Zuge der Oktoberrevolution gestaltet werden.

Krieg mit Rumänien

Ein Problem für die Existenz der Räterepublik blieb die ständige militärische Bedrohung. So hatten rumänische Truppen den Osten Ungarns besetzt, ein Gebiet, das im Bereich Rutheniens auch an die Slowakische Räterepublik grenzte. Trotz diverser Zusagen der Entente zogen sich die Rumänen nicht aus diesen Gebieten zurück. Im Gebiet Košice rekrutierte deswegen die ungarische Rote Armee ständig junge Männer für den Dienst an der Ostfront – was aufgrund der Kriegsmüdigkeit nicht immer leicht fiel. Insgesamt zogen circa 3.000 Soldaten und 200 Offiziere aus Košice in den Krieg gegen Rumänien.

Im Innern verschlechterte vor allem die ablehnende Haltung der Bauernschaft die Versorgung des gesamten Staates mit Lebensmitteln, was in den Städten zu Unmut führte. Viele Bauern standen der von der Räteregierung in Ungarn gedruckten »Bolschewiken-Krone« ablehnend gegenüber. Sie war nur einseitig bedruckt und hatte den Ruf »weißer Scheine«.

Das Ende der Räteregierung in Košice kam schnell, weil deren ungarische Schutzmacht sich durch eine rumänische Aggression bedroht sah. Ende Juni schlug der linksliberale französische Ministerpräsident Georges Clemenceau der Budapester Räteregierung einen Frieden vor und verlangte im Gegenzug, dass die ungarische Rote Armee aus den slowakischen Gebieten abziehe. Aufgrund einer Hungersnot im Innern und der ständigen Kampfhandlungen an verschiedenen Fronten im Norden, Süden und Osten des Landes entschied sich die Regierung in Budapest, auf dieses Angebot einzugehen. Am 2. Juli traf dann eine US-amerikanische Beobachtermission in Košice ein, um den Abzug der Rotarmisten aus der östlichen Slowakei, der bereits einige Tage zuvor begonnen hatte, zu überwachen.

Das SRR-Exekutivkomitee verlegte seinen Sitz nach Miskolc im ungarischen Kernland. Chancen auf eine Rückkehr in die Slowakei hatte die Räteregierung nicht: Tschechoslowakische Truppen besetzten bald die gesamte Slowakei und Ruthenien, und Anfang August marschierte die rumänische Armee – trotz der Zusagen Clemenceaus – in Budapest ein. Sowohl die ungarische als auch die slowakische Räteregierung fanden ihr Ende. Die jeweiligen Anführer – Béla Kun und Antonín Janoušek – gingen nach kurzen Aufenthalten in Mitteleuropa in die Sowjetunion. Kun wurde dort 1938 im Zuge des Großen Terrors hingerichtet, Janoušek starb 1941.

Die Slowakische Räterepublik entstand, ohne dass es in der Slowakei eine größere kommunistische oder auch nur sozialdemokratische Bewegung gegeben hätte. Ohne lokale Verankerung endete das Experiment einer slowakischen Staatengründung von links binnen weniger Wochen.


An die Proletarier aller Länder! Die siegreiche und immer weiter voranschreitende Revolution hat eine neue Errungenschaft. Auf slowakischem Boden, befreit vom Imperialismus, entsteht heute die unabhängige Slowakische Räterepublik! Der erste Schritt des vom tschechischen Imperialismus befreiten Proletariats ist es, das Recht auf Selbstbestimmung auszunutzen. Die (tschechischen, D. N.) Unterdrücker wenden dieses mit Glanz und Gloria an, pervertieren es aber eigentlich. Durch rasche Aktionen der slowakischen Arbeiter, Soldaten und Bauern konnte die von den Russischen und Ungarischen Räterepubliken begonnene revolutionäre Front ausgedehnt und neue Gebiete für die großartige Idee des Rätesystems gewonnen werden.

Die neugegründete Slowakische Räterepublik versteht ihre siegreichen Brüder der Russischen und Ungarischen Räterepubliken als ihre natürlichen Verbündeten und steht unter dem Schutz des internationalen Proletariats. Erste Grüße entsendet sie an die tschechischen proletarischen Brüder, die weiterhin unter dem Joch des Imperialismus leben.

Die Slowakische Räterepublik baut auf den breitesten Prinzipien der proletarischen Demokratie auf – wenn sie aber bedroht wird, schlägt sie ohne Gnade zurück. Deswegen wird sie alle kapitalistischen und imperialistischen Organisationen zerschlagen, alle Möglichkeiten der Ausbeutung entfernen und eine kraftvolle, tapfere Zukunft für die Arbeiterklasse vorbereiten.

Erschienen in: Cervené noviny (Die rote Gazette) am 3. Juli 1919, Übersetzung: David X. Noack.


Artikel und Quelle erschienen in: junge Welt, 15.06.2019.

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