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David X. Noack

Geschichte und internationale Politik im linken Fokus

Auf den Hund gekommen

Zwischen Gewerkschaften ohne radikale Visionen und einer kleinen Handelsbourgeoisie. Vor 85 Jahren endete Neufundlands Geschichte als eigenständiger Staat

Nach dem Beginn einer weltweiten Wirtschaftskrise stürzte die Ökonomie eines kleinen Staates am Rande eines größeren Wirtschaftskreislaufes ins Bodenlose. Die Regierung sah keinen anderen Ausweg als eine strikte Austeritätspolitik. Die sozialen Proteste nahmen zu, doch die Regierung lenkte nicht ein. Letztendlich wandten sich die Herrschenden an den großen Bruder des kleinen Landes, gaben ihre Souveränität auf und erhielten dafür Finanzhilfen. Doch anders, als man annehmen könnte, geht es hierbei nicht um das Griechenland der vergangenen Jahre, sondern um eine Insel im Nordostatlantik um das Jahr 1929. Die erste große Weltwirtschaftskrise nach dem Kollaps der Wall Street beendete damals binnen weniger Jahre die Eigenständigkeit des Dominions Neufundland.

Die Insel war bis 1934 ein eigenständiger Staat an der Ostküste Nordamerikas. Hochgradig vom Fischereiwesen und anderer exportorientierter Industrie abhängig, entwickelte sich dort in den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts eine starke, gleichwohl reformistische und antikommunistische Arbeiterbewegung. Ohne Aussicht auf einen radikalen Ausweg aus den damaligen ökonomischen Verhältnissen blieb die einfache Bevölkerung einer kleinen Handelsbourgeoisie und ausländischen Großkonzernen unterworfen. Als die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 zu katastrophalen sozialen Missständen in dem kleinen Land führten, prägte sich ein besonderer autoritärer Kurs in der neufundländischen Arbeiterbewegung aus.

Ausschnitt aus einer Karte zu Kanada und Neufundland

Ausschnitt aus einer Karte zu Kanada und Neufundland (Public-Domain-Karte aus der Wikimedia)

Fischexporteur

Im Jahr 1497 landete der Seefahrer Giovanni Caboto (englisch: John Cabot) auf der Insel Neufundland und nahm sie im Namen des englischen Königs in Besitz. Auf diese Zeit rekurrierend sprachen viele Neufundländer lange Zeit von »Englands ältester Kolonie«. Die britische Besiedlung des Gebiets begann Ende des 16. Jahrhunderts. Im Jahr 1610 entstand Londons Kolonie Neufundland. Nach diversen Strafexpeditionen starb 1829 mit Shanadithit die letzte Ureinwohnerin der Ethnie der Beothuk.[1] Seit 1855 verwaltete sich die Kolonie selbst. Konservative und Liberale wechselten sich an der Regierung ab.

Doch Neufundland entwickelte sich grundlegend anders als andere spätere Dominions Großbritanniens. In den 1870er Jahren entstand ein größerer britisch-dominierter Wirtschaftskreislauf, in den unter anderem Halbkolonien wie Argentinien, aber auch britische Siedlerkolonien wie Kanada und Australien eingebunden wurden. Im Zentrum stand die City of London. An dem Finanzumschlagplatz wurden Werte gehandelt, welche die größte Konkurrenzbörse in Paris um das Zehnfache überstiegen. Neufundland blieb nur ein kleinerer peripherer Zulieferer dieses Wirtschaftskreislaufes. Auch Labrador, die neufundländische Festlandbesitzung, änderte nichts Grundlegendes an diesem Charakter: Dort konzentrierte sich die Wirtschaft auf einige Minen und den Abbau von Holz in den riesigen Wäldern der Nordostspitze Nordamerikas.

Die Insel Neufundland entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zum weltgrößten Exporteur von gesalzenem Fisch. Doch Ende des 19. Jahrhunderts gerieten die dortigen Fischer immer mehr ins Hintertreffen gegen ihre norwegische und isländische Konkurrenz. In Norwegen und der damaligen dänischen Kolonie Island konnten viele Fischer nämlich ganzjährig eisfrei fischen, während der Nordteil Neufundlands und Labradors jeweils für ein halbes Jahr zufror.[2] Erst der Erste Weltkrieg und die Kappung einiger Versorgungsverbindungen der Europäer sorgte wieder für einen begrenzten Aufschwung des Fischereiwesens.

Die Verfassungsentwicklung vollzog sich derweil in Neufundland ähnlich wie in Australien und Kanada. Nach der Londoner Imperial Conference von 1907 erlangte das Land die Selbständigkeit. Der Status eines britischen Dominions bedeutete de facto die Unabhängigkeit, bei Beibehaltung der britischen Krone und Mitgliedschaft im Commonwealth, d. h. enger Partnerschaft mit dem früheren Mutterland. Das relativ kleine Neufundland besaß dabei jedoch – im Gegensatz zu beispielsweise Aus­tralien und Kanada – keinen eigenen außenpolitischen Apparat. Die internationalen Beziehungen wickelte die lokale Regierung über London ab. In der Hauptstadt St. John’s existierten aber unter anderem ein deutsches, ein französisches und ein US-amerikanisches Konsulat.

Eigenständig bleiben

Immer wieder gab es politische Bestrebungen, die kleine Insel an das weitaus größere benachbarte Kanada anzuschließen. Die Ursachen dafür lagen auf der Hand: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Kanada ein in etwa doppelt so hohes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wie Neufundland.[3] Doch Ende der 1860er Jahre und noch einmal ein halbes Jahrhundert später widersetzte sich die neufundländische Handelsbourgeoisie diesen Strömungen. Die in der einzigen Stadt der Insel – St. John’s – konzentrierte Oberschicht genoss aufgrund der Schwäche der Arbeiterbewegung und der daraus folgenden hohen Profite eine privilegierte Stellung und wollte sich nicht dem »kanadischen Wolf« unterordnen.[4] Die Vereinigungsbestrebungen liefen daher vorerst ins Leere.

Zwecks Entwicklung des Landes lancierten die konservativen und liberalen Regierungen in den 1880er Jahren ein großangelegtes Programm zur Industrialisierung sowie zur Förderung der Urbarmachung vieler bis dahin ungenutzter Gebiete. Unter anderem verfolgten mehrere Regierungen den Plan, das Land mittels einer Eisenbahn zu modernisieren.[5] Außerdem sollte eine Schiffswerft aus dem Boden gestampft werden. Ein zweiter Schub an Gesetzen in den 1890er Jahren hatte darüber hinaus das Ziel, ausländisches Kapital anzulocken. Doch die meisten wirtschaftlichen Vorhaben scheiterten, und die Fischerei blieb bei weitem der größte Arbeitgeber. Die neuerrichtete Eisenbahn sorgte nicht – wie erhofft – dafür, dass neue Industriezweige in Neufundland entstanden.[6] Hauptsächlich erwarben kanadische und US-amerikanische Konzerne Waldflächen zum Roden und Minen zum Abbau von Rohstoffen. Die Öffnung brachte somit keine Industrialisierung, sondern nur eine größere Abhängigkeit vom Weltmarkt.

Der Agrarökonom William Coaker gründete gemeinsam mit 19 Fischern im Jahr 1908 die Fishermen’s Protective Union (FPU), die ursprünglich die reformorientierte Regierung unter Edward Morris von der zentristischen Volkspartei unterstützte. In den Gewerkschaftsreihen hoffte man auf eine Fischereireform, die allerdings scheiterte. Die Fischer litten besonders unter schlechten Kreditbedingungen und mangelnden Abnahmequoten, so dass sie die Risiken trugen, während die Händler die Gewinne einstrichen. Nach dem Scheitern des Drucks auf die zentristische Regierung trat die FPU selbst als Partei zu den Wahlen 1913 an. Hauptangriffsziel der Wahlpropaganda der Fischer war die »Water Street«, also der Stadtteil von St. John’s, in dem sich die Handelsbourgeoisie konzentrierte. Auf Anhieb konnte die Gewerkschaftspartei an der Liberalen Partei vorbeiziehen und errang acht von 36 Sitzen im Unterhaus. Die Erstarkung einer soziale Reformen befürwortenden Partei führte zu heftigen Gegenreaktionen des Establishments. Vertreter der aufgrund der irischstämmigen Minderheit relativ starken katholischen Kirche im Land ließen verkündeten, dass die Mitgliedschaft in der FPU eine Sünde sei. Doch die immer wieder gegen die FPU vorgebrachten Vorwürfe, sozialistischen Ideen anzuhängen, waren unbegründet. Bei der ersten Sitzung des Parlaments erklärte Coaker, dass seine Gewerkschaft so weit vom Sozialismus entfernt sei wie der Nord- vom Südpol.

Der Erste Weltkrieg brachte zwar einen wirtschaftlichen Aufschwung, aber auch vielen jungen Neufundländern den Tod. Das erste Mal zog die Armee des Landes in den Krieg. Insgesamt 6.000 Soldaten und Matrosen nahmen an den Kampfhandlungen teil. Der Großteil der Soldaten waren Arbeiter, die aufgrund der Unterbrechung des Handels arbeitslos geworden waren. Während der Schlacht an der Somme starben mehr als 1.000 neufundländische Soldaten. Insgesamt fielen knapp 1.500 in Gallipoli, an der Westfront und auf den Weltmeeren.

Während junge Arbeiter in den Schützengräben Frankreichs starben, schaffte es die »Water Street«, noch mehr Profit aus ihrer privilegierten Position zu schlagen. Nach Kriegsbeginn verkauften neufundländische Händler ihre Eisbrecher zu horrenden Preisen an das Russische Zarenreich. Im Land selbst führte das zu einer Verknappung des Nachschubs von Gütern des täglichen Bedarfs, wie beispielsweise Kohle. Auch daraus wiederum konnten die Händler ihren Vorteil ziehen.[7]

Scheitern der Gewerkschaft

Nach einer Regierungskrise trat die Volkspartei-Regierung 1917 zurück. Der Gouverneur der Insel ernannte daraufhin einen Liberalen zum neuen Regierungschef – obwohl dessen Partei nach den Wahlen 1913 im Parlament nur auf dem dritten Platz gelandet war. Die FPU trat als Juniorpartner in die neue Einheitsregierung ein, und Coaker übernahm den Posten des Fischereiministers. Nach dem Scheitern der Volkspartei wollte er selbst die Fischereireform durchführen. Doch der Widerstand der »Water Street« war zu groß, die Fischereifragen wurden weiterhin nicht neu geregelt. Die Handelsbourgeoisie hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Politik des Landes, da die Mitglieder des Oberhauses nicht gewählt, sondern ernannt wurden und hauptsächlich aus der »Water Street« stammten.[8] Das Establishment blieb zu mächtig.

Auch ein Zusammengehen der Liberalen mit der Gewerkschaftspartei bei den Wahlen 1919 und der gemeinsame Sieg änderte nichts daran. 1923 scheiterte die linksliberale Regierung wegen eines Korruptionsskandals des liberalen Premierminister Richard Squires. Der Generalstaatsanwalt ließ Squires festnehmen. Die Führung der FPU entschied, nicht mehr zu Wahlen anzutreten. Das Experiment der Regierungsbeteiligungen wurde als gescheitert betrachtet. Coaker zeigte sich besonders desillusioniert und sagte bei einem Gewerkschaftskongress, dass innerhalb der gegebenen verfassungsmäßigen Ordnung keine Lösung der Probleme der Fischer möglich sei.[9] Er zog sich vorerst aus der Politik zurück.

Die Niederlage der Fischergewerkschaft führte jedoch nicht zu Apathie unter den Arbeitern. Ganz im Gegenteil, es entstanden neue Gewerkschaften. So gründete sich beispielsweise die Newfoundland Industrial Workers’ Association (NIWA), die als Ziel formulierte, alle Arbeiterinnen und Arbeiter des Landes zu vertreten.[10] Diese Gewerkschaft hatte ihre Basis vor allem unter den Eisenbahnarbeitern. Sie gab eine Zeitung heraus, gründete schnell einen Ableger für Arbeiterinnen und organisierte genossenschaftliche Läden.[11] Der NIWA-Frauenunion traten in den ersten fünf Wochen mehr als 400 Arbeiterinnen bei.[12] Neben den Fischern hatten fortan auch andere Industriezweige eigene Gewerkschaften, die an einer Gegenhegemonie arbeiteten.

Nach dem Abgang von Premier Squires gaben sich diverse Nachfolger binnen kürzester Zeit die Klinke in die Hand. Das traditionelle Parteiensystem zerfiel und eine neue Formation aus früheren Liberalen und Konservativen bildete die sogenannte Liberal-Konservative Progressive Partei. 1924 stellte diese das Kabinett, und fortan regierten Vertreter des klassischen Establishments, allen voran aus der katholischen Kirche und der »Water Street«, das Land.[13] Unter der neuen Regierung begannen Verleumdungskampagnen gegen die FPU, mit denen die Gewerkschaftsbewegung erfolgreich geschwächt werden konnte.[14]

In der Krise

Die erneut regierenden Konservativen zeigten sich unfähig, das Land zu modernisieren. Das Fischereiwesen verlor aufgrund fehlender Investitionen immer mehr an Boden gegenüber den isländischen und norwegischen Konkurrenten. Ohne irgendeine sinnvolle Veränderung der Wirtschaftsstruktur stagnierte die neufundländische Ökonomie dauerhaft. Der relative Anteil der Fischexporte an den Gesamtausfuhren sank von 80 auf 40 Prozent zwischen 1910 und 1929. Das bedeutete jedoch nicht einen größeren Anteil von industriell verarbeiteten Produkten: Im Jahr 1929 entfielen sage und schreibe 98 Prozent der Exporte auf Fisch, Holz und Rohstoffe.[15] Die verschiedenen Regierungen hatten es versäumt, das Land zu industrialisieren, und am Vorabend der Weltwirtschaftskrise hatte es den Status eines peripheren Zulieferers von nichtverarbeiteten Rohstoffen.

Die Arbeiterbewegung gewann auch in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre nicht an Stärke. Ein bekannter Vertreter der Gewerkschaften wurde J. R. Smallwood, der den Kommunismus als den »Erzfeind der Arbeiterbewegung« ansah. Smallwood plädierte für einen »vernünftigen, verfassungsgemäßen, christlichen Sozialismus« und forcierte eine Wiederannäherung der Arbeiterbewegung an die Liberalen. 1928 trat die FPU wieder zu den Parlamentswahlen an.

Die Liberalen gewannen in jenem Jahr, und der aus dem Gefängnis entlassene Squires übernahm wieder das Amt des Premierministers. An seiner Seite regierte erneut die FPU mit. Ebenso wie während Squires’ erster Amtszeit prägten Korruptionsskandale die liberale Regierung bis 1932. Doch vor allem die Weltwirtschaftskrise nach dem New Yorker Börsencrash hatte einschneidende Auswirkungen. Mit dem Kollaps ging ein dramatischer Einbruch der Fischexporte einher. Damit sanken auch die Einnahmen des Staates. Proteste von Arbeitern mündeten in Ausschreitungen und einer versuchten Brandschatzung des Regierungsgebäudes 1932. Die Handelsbourgeoisie wiederum forcierte eine Kampagne gegen Squires und die angebliche linke Gefahr, verkörpert von der FPU. Bei einem vom einflussreichen Händler Eric Bowring organisierten Treffen im April 1931 kam die Idee auf, die parlamentarisch verfasste Demokratie in Neufundland zu beenden und eine Kommissionsregierung einzusetzen. Auch in der Arbeiterschaft breitete sich diese Auffassung aus. Arbeiterführer Coaker plädierte ebenso für eine solche Regierung, und im The Fishermen’s Advocate, der FPU-Zeitung, erschienen Artikel, die in diese Richtung argumentierten.

Die ersten Wahlen nach Beginn der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1932 gewann die konservative Vereinigte Neufundland-Partei (VNP) – eine Neuauflage der alten Volkspartei. In Reaktion auf die wirtschaftliche Misere hatte man das Parlament von 40 auf 27 Sitze reduziert, von denen die VNP 24 übernahm. Fast ohne parlamentarische Opposition begann die Rechtsregierung mit einem radikalen Austeritätsprogramm, das den Abbau nahezu aller Sozialleistungen bei gleichzeitig steigenden Steuersätzen für Güter des täglichen Bedarfs mit sich brachte. Die Kosten für die Lebenserhaltung stiegen binnen kürzester Zeit um ein fast Drittel. Außerdem wurde ein Drittel der Staatsbediensteten entlassen, die verbliebenen sahen sich mit Lohnkürzungen konfrontiert. Zusätzlich schloss die Regierung 300 Postfilialen. Lediglich die Zahl der Polizisten erhöhte die Regierung exorbitant, auch zur Bekämpfung der nunmehr explodierenden Kriminalität.[16]

Die Austeritätspolitik ebnete nicht den Ausweg aus der Krise. Der wirtschaftliche Niedergang setzte sich weiter fort. Die Schulden stiegen an, und in London und Ottawa mehrten sich die Sorgen, dass das Land bankrott gehen könnte. Einen Großteil seiner Schulden hatte der neufundländische Staat bei kanadischen Banken gemacht.

Ende der Selbständigkeit

Infolgedessen setzte die britische Regierung im Februar 1933 eine königliche Kommission ein, um die Lage zu untersuchen. Für viele Politiker des Empires war es eine Schande, dass sich eine vor allem von Engländern besiedelte Insel wirtschaftlich selbst zugrunde gerichtet hatte. In der Kommission setzte sich daraufhin die Ansicht durch, dass sich die Neufundländer aufgrund der zahlenmäßig großen Einwanderung von Franzosen und Iren sowie der nordamerikanischen Ureinwohner der hauptsächlich im benachbarten Neubraunschweig und Neuschottland lebenden Mi’kmaq zu einem »degenerierten Volk« entwickelt hätten.[17]

Die Kommissionsmitglieder trafen außerdem auf ein ausgeprägtes Standesdenken in der neufundländischen Handelsbourgeoisie, die deren Regierungsfähigkeit zweifelhaft machte. Eine Gruppe von Händlern sagte gegenüber dem Gremium, dass es keinen Bedarf an staatlichen Sozialleistungen gebe: Wer verhungere, sei daran selbst schuld. Die Sozialdezernentin der Hauptstadt gab an, dass das Wahlrecht der unteren Klassen angezweifelt werden könne, sie seien schließlich ohne Nutzen für den Staat.

Im November 1933 veröffentlichte die Kommission ihren Abschlussbericht und empfahl, die Selbständigkeit Neufundlands zu suspendieren. Eine Regierungskommission aus sechs Personen sollte die Regierungsgeschäfte übernehmen, sofern Großbritannien die neufundländischen Staatsschulden bediene. Die neufundländische Regierung schloss sich den Empfehlungen an und votierte Ende 1933 für die Selbstauflösung. Das Parlament trat auseinander, und ein vom britischen Kolonialministerium eingesetzter Gouverneur übernahm die Regierungsgeschäfte. Der kanadische Diplomat und Geschäftsmann Robert Hugh MacKay schrieb daraufhin, dass das Ende der Selbständigkeit Neufundlands »ohne Präzedenzfall in der Geschichte des Empires« sei.[18]

Da die einheimische Handelsbourgeoisie ihre Hegemonie verloren hatte, sah sie keinen anderen Ausweg, als das Land wieder in die Hände der herrschenden Klasse Großbritanniens zu geben.[19] Damit endete die Geschichte Neufundlands als eigenständiger Staat. Nach 15 Jahren Fremdverwaltung durch London und zwei Volksabstimmungen traten die Insel und ihre Festlandbesitzung Kanada bei. Die Geschichte des Dominion Neufundland zeigt, wie einerseits eine Arbeiterbewegung gefangen in Antikommunismus und ohne radikale Perspektiven und andererseits eine bedingungslose ausbeuterisch-agierende Bourgeoisie ein peripheres Land mit wenigen industriellen Ansätze nicht aus der Krise führen konnte.

Anmerkungen

1 Declan Cullen: Race, debt and empire: Racialising the Newfoundland financial crisis of 1933, in: Transactions of the Institute of British Geographers, Jg. 43 (2018), Nr. 4, S. 689–702 (hier: S. 692)
2 Miriam Wright: A Fishery for Modern Times – The State and the Industrialization of the Newfoundland Fishery, 1934–1968, Oxford 2001, S. 12
3 David Alexander: Newfoundland’s Traditional Economy and Development to 1934, in: Acadiensis, Jg. 5 (1976), Nr. 2, S. 56–78 (hier: S. 62)
4 James Baker: As loved our fathers – The strength of patriotism among young Newfoundlanders, in: National Identities, Jg. 14 (2012), Nr. 4, S. 367–386 (hier: S. 374)
5 Kurt Korneski: Race, Gender, Class, and Colonial Nationalism: Railway Development in Newfoundland, 1881–1898, in: Labour/Le Travail, Jg. 62 (2008), S. 79–107
6 Alexander, a. a. O., S. 63–70
7 Mike O’Brien: Producers versus Profiteers: The Politics of Class in Newfoundland during the First World War, in: Acadiensis, Jg. 40 (2011), Nr. 1, S. 45–69 (hier: S. 49–58)
8 Ebenda, S. 47
9 Ian McDonald: W. F. Coaker and the Balance of Power Strategy: The Fishermen’s Protective Union in Newfoundland Politics, in: James Hiller/Peter Neary (Hg.): Newfoundland in the Nineteenth and Twentieth Centuries: Essays in Interpretation, Toronto/Buffalo/London 1980, S. 148–179 (hier: S. 171)
10 James Overton: Economic Crisis and the End of Democracy: Politics in Newfoundland During the Great Depression, in: Labour/Le Travail, Jg. 26 (1990), S. 85–124 (hier: S. 94)
11 James Overton: Self-Help, Charity, and Individiual Responsibility: The Political Economy of Social Policy in Newfoundland in the 1920s, in: James Hiller (Hg.): Twentieth-Century Newfoundland: Explorations, St. John’s 1994, S. 79–122 (hier: S. 81)
12 Nancy Forestell/Jessie Chisholm: Working-Class Women as Wage Earners in St. John’s, Newfoundland, 1890–1921, in: Peta Tancred-Sheriff (Hg.): Feminist Research: Prospect and Retrospect , Montréal/Kingston 1988, S. 141–155 (hier: S. 149)
13 McDonald: W. F. Coaker and the Balance of Power Strategy, S. 171
14 Overton, a. a. O., S. 98/99
15 Alexander, a. a. O., S. 73
16 Ebenda, S. 99–106
17 Cullen, a. a. O., S. 693/694
18 Ebenda, S. 690
19 Overton, a. a. O., S. 123

Erschienen in: junge Welt, 19.02.2019.

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