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David X. Noack

Geschichte und internationale Politik im linken Fokus

Die abtrünnige Republik Anguilla

Nach einer Volksbefragung war die Karibikinsel von 1967 bis 1969 unabhängig von Großbritannien

Vor fünfzig Jahren erklärte die politische Führung der Karibikinsel Anguilla die Unabhängigkeit. Das von damals gerade einmal 5.500 bis 6.000 Menschen bewohnte Eiland im Norden der Karibik wollte sich somit von Großbritannien abspalten, was jedoch nicht dauerhaft gelang. Die Insel der Kleinen Antillen liegt ein paar Kilometer nördlich der Insel Saint-Martin/Sint Marteen, welche zur Hälfte eine französische und zur Hälfte eine niederländische Kolonie ist (damals wie heute). Noch weiter südlich liegt heute der Staat Saint Kitts and Nevis und westlich von Anguilla wiederum die Britischen und US-amerikanischen Jungferninseln.

Seit 1882 gehörte Anguilla zur britischen Kolonie Saint Christopher-Nevis-Anguilla, welche auch die Inseln des heute unabhängigen Staates Saint Kitts and Nevis umfasste. Im Zuge der Entkolonialisierungswelle in den 1950ern und 1960ern Jahren erlangten immer mehr Staaten im Globalen Süden die Unabhängigkeit. Auch Jamaika sowie Trinidad und Tobago lösten sich aus dem Britischen Empire heraus und wurden 1962 unabhängig. Vier Jahre später folgte die Karibikinsel Barbados. Durch den Associated Statehood Act aus dem Jahr 1967 erhielten die übrigen britischen Karibikinseln den Status von assoziierten Staaten. Damit erhielten die Staaten die innere Selbstverwaltung, die Außen- und Verteidigungspolitik behielt aber weiterhin London. Die Ministerien in Großbritannien beschlossen, dass Anguilla mit Saint Christopher und Nevis in einer Föderation weiterbestehen sollte, doch dagegen regte sich auf der abseits gelegenen Insel Anguilla Widerstand. Die Einwohner des Eilands befürchteten, vom größeren Nachbarn dominiert zu werden. Zunächst änderte sich für sie nur, dass der Vorsteher der Insel nicht mehr nach London sondern nach Basseterre auf Saint Kitts meldete.

Anguilla war in den 1960er Jahren eine höchst unterentwickelte Region. Es gab keine öffentlichen Systeme der Elektrizitäts- und Wasserversorgung und weniger als drei Meilen befestigte Straßen. Hauptsächlich exportierte die Inselbevölkerung Fisch (Hummer) und Salz. Viele Einwohner des Eilands lebten von Geldern, die Anguillaner aus Großbritannien nach Hause schickten.1 Die Föderationsregierung in Basseterre unternahm keine Anstrengungen, an der Unterentwicklung etwas zu ändern und politisch blieben die Anguillaner im Föderationsparlament marginalisiert – mit einem oppositionellen Abgeordneten. Als wenige Monate nach Schaffung der Föderation herauskam, dass die Regierung in Basseterre den britischen Entwicklungszuschuss ausschließlich für die Hauptinseln Saint Kitts and Nevis nutzte, eskalierte die Lage.2 Eine aufgebrachte und teilweise bewaffnete Menge von 250 Inselbewohnern stürmte das Haus des Vorstehers in der Hauptstadt The Valley. Die 250 Anguillaner vertrieben ihn und die 14 auf der Insel stationierten Polizisten. Darüber hinaus kappten sie die Telefonverbindung. Die über Basseterre laufende Postverbindung wiederum schnitt die Regierung auf der Hauptinsel ab.3 Die Hauptkommunikationswege nach außen waren unterbrochen.

Die Inselbewohner hielten am 11. Juli 1967 ein Referendum ab, welches mit 1.813 der abgegebenen Stimmen für die Unabhängigkeit und fünf Stimmen dagegen eindeutig ausging4. Der Separatistenanführer Ronald Webster, eigentlich Pastor und Geschäftsmann, erklärte am Folgetag einseitig die Unabhängigkeit von Großbritannien. Der Harvard-Juraprofessor Roger Fisher, Experte für Mikrostaaten und nicht-anerkannte Regierungen, schrieb eine nach US-Vorbild modellierte Verfassung für die neue Republik und beriet die Regierung in der Folgezeit in Rechtsfragen. Ein zufällig auf der Insel anwesender früherer US-Geheimdienstoffizier sicherte sich Steuernachlässe sowie Geschäftsmonopole zu5. Für die neue Republik prägte eine private Münzprägeanstalt in San Francisco Münzen des neuen “Liberty Dollars”. Premier Robert Bradshaw in Basseterre wiederum erklärte die gesamte Revolte für illegal und rief London um Hilfe an.

Aus Großbritannien kam ein afrikaerfahrener Kolonialoffizier nach Anguilla, der als Kronkommissar der Separatistenregierung den Weg zurück in die Föderation mit Saint Kitts and Nevis ebnen sollte6. Ein von Londoner Parlamentariern verfasstes Interimsabkommen sollte Anguilla zunächst ein Jahr der Selbstverwaltung gewähren, während Verhandlungen über die endgültige Regelung stattfinden würden. Rebellenpräsident Webster, Föderationspremier Bradshaw und Vertreter des britischen Foreign Office begannen mit Verhandlungen über einen Ausweg aus der Krise.

Aufgrund der mangelnden Kommunikation verbreiteten sich in der Region alle möglichen Gerüchte über die neue Separatistenrepublik. So gingen die Nachrichten um, dass es US-amerikanische Steuerhinterzieher und Kasinobetreiber auf die Insel abgesehen haben sollen. Angeblich planten diese ein “Las Vegas zur See” zu errichten. Der britische Staatssekretär William Whitlock äußerte sich gegenüber der heimischen Öffentlichkeit mit den Worten “Gangster wie die Mafia” würden Anguilla regieren7. Inwieweit die international im Umlauf befindlichen Gerüchte stimmten, ist unklar.

Als das einseitig von London erklärte Interimsabkommen auslief, schienen alle Seiten weiterhin von einem Kompromiss weit entfernt. Anfang 1969 kippten die Demonstrationen gegen den britischen Kronkommissar in Gewalt um und der britische Beamte floh von der Insel. Auf einer Konferenz der Commonwealth-Staaten der Karibik erklärten deren Regierungsvertreter, dass Anguilla zu einem Sicherheitsrisiko für die Region geworden sei. London entsandte einen weiteren Kronkommissar, der jedoch binnen 30 Minuten von der Insel wieder vertrieben wurde. Die Regierung der Separatisten erklärte, die Gesprächskanäle mit London abzubrechen. Eine Verhandlungslösung schien nun ausgeschlossen. Infolgedessen bereitete die britische Armee eine Militärintervention vor, um die Kontrolle über die Insel wiederzuerlangen.

Im März 1969 landeten 150 britische Marineinfanteristen, 100 Fallschirmjäger und 40 Beamte von Scotland Yard auf Anguilla, um die “Ordnung wiederherzustellen”. Mit ihnen kam wieder ein Kronkommissar auf die Insel. Die Anguillaner ergaben sich kampflos. Rebellenpräsident Ronald Webster wiederum floh nach New York und versuchte, die Vereinten Nationen um Hilfe gegen Großbritannien anzurufen. Demonstrationen gegen die neue Kolonialverwaltung kippten erneut in Gewalt um8. Parlamentarier und Pressevertreter in London kritisierten die schlecht vorbereitete Militärexpedition.

Der neue Kronkommissar handelte ein neues Interimsabkommen aus, unter welchem Anguilla sich selbst verwalten würde. Dieses hielt zehn Jahre und erst am 19. Dezember 1980 spaltete sich die Insel endgültig von Saint Kitts and Nevis ab. Seitdem ist Anguilla ein sich selbst verwaltendes britisches Überseegebiet. Nach Wahlen trat im Sommer 1981 der frühere Rebellenpräsident Ronald Webster das Amt des Chief Ministers, also des Regierungschefs, auf Anguilla an9.

Seit mehreren Jahrzehnten verdient Anguilla vor allem von seiner Eigenschaft als Steuerparadies sowie dem Tourismus auf der Insel. Als Überseegebiet eines EU-Mitgliedsstaates hat Anguilla auch in den vergangenen Jahren Entwicklungszuschüsse aus dem Topf des Europäischen Entwicklungsfonds (European Development Fund, EDF) erhalten. In den Jahren 2008 bis 2013 beliefen sich diese Hilfen auf 11,7 Millionen Euro10. Mit dem Brexit-Votum wird somit die wirtschaftliche Zukunft Anguillas unsicherer und es ist unklar, was in Zukunft aus der Karibikinsel werden wird.

  • 1. Roger Fisher: The Participation Of Microstates In International Affairs, in: Proceedings of the American Society of International Law at Its Annual Meeting (1921–1969), Jg. 62 (1968), S. 164–188 (hier: S. 164).
  • 2. Suche nach dem Feind, in: Der Spiegel 14/1969, 31.03.1969.
  • 3. Letzter Akt, in: Der Spiegel 13/1969, 24.03.1969.
  • 4. Michael J. Macoun: Wrong Place, Right Time – Policing the End of Empire, London/New York 1996, S. 153. https://books.google.co.uk/books?id=nAn-070zzxkC&pg=PA153#v=onepage&q&f=false
  • 5. Robin Thomas Naylor: Hot Money and the Politics of Debt, New York (NY) 1987, S. 43.
  • 6. Tauziehen um Anguilla, in: Die Zeit 13/1969, 28.03.1969.
  • 7. Suche nach dem Feind, in: Der Spiegel 14/1969, 31.03.1969.
  • 8. Karl-Heinz Wocker: Die Operetten-Helden von Anguilla, in: Die Zeit 13/1969, 28.03.1969.
  • 9. New Leader Assumes Office On British West Indies Isle, nytimes.com 24.06.1981. www.nytimes.com/1981/06/24/world/around-the-world-new-leader-assumes-office-on-british-west-indies-isle.html[/fn] Wenige Jahre später verfasste er ein Buch über die “Revolution in Anguilla”. Ronald Webster: Scrap Book of Anguilla’s Revolution, The Valley 1987.
  • 10. Peter Clegg: The United Kingdom Overseas Territories and the European Union: Benefits and Prospects, Studie des United Kingdom Overseas Territories Association (UKOTA), Juni 2016, S. 10.

amerika21.de, 27.09.2016

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