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David X. Noack

Geschichte und internationale Politik im linken Fokus

Das Wendejahr

1956 wurden die außenpolitischen Weichen in Nordkorea neu gestellt

Nach der Befreiung vom japanischen Joch 1948 entstanden auf der koreanischen Halbinsel zwei Staaten: im Norden die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK), im Süden die Republik Korea. Staatschef der DVRK wurde Kim Il Sung, der im Herbst 1945 aus der UdSSR in der Uniform eines sowjetischen Offiziers in seine Heimat zurückgekehrt war.

Bereits vor der Etablierung des nordkoreanischen Staates entsandte Kim 250000 Koreaner inoffiziell nach China, um den Kommunisten dort zum Sieg zu verhelfen. Im chinesischen Bürgerkrieg wurde eine Waffenbrüderschaft begründet, die die Außenpolitik der DVRK lange prägen sollte. Allerdings war Kim Il Sung bestrebt, die Beziehungen zu anderen Staaten zu diversifizieren, weswegen sein Land 1949 die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen beantragte. Die Aufnahme in die UN scheiterte am Veto der USA. Anfangs hatten vor allem die Mitglieder des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und die VR China diplomatische Beziehungen zu Pjöngjang aufgenommen. Die DVRK war einer der ersten Staaten, die 1949 diplomatische Beziehungen zur DDR aufnahmen. In Berlin plante man in den 1950er Jahren, daß DDR-Bürger Auslandsreisen nach Nordkorea unternehmen könnten. 1953 einigten sich beide Länder auch darauf, daß die deutsche Seite eine Druckerei, eine Dieselfabrik und einen Hochofen in Korea bauen werde. Doch die Beziehungen DDR-DVRK waren vom Auf und Ab im sowjetisch-nordkoreanischen Verhältnis gekennzeichnet. Als die DDR 1961 dringend Kupfer und Salz benötigte, weigerte sich die Führung in Pjöngjang, diese Güter zu verkaufen. Im September des darauffolgenden Jahres dagegen genoß eine Delegation aus Berlin in Nordkorea den freundlichsten Empfang seit langer Zeit. Die DDR nahm die wichtigste Rolle beim Wiederaufbau der Stadt Hamhng ein, die im Koreakrieg zu 80 Prozent zerstört worden war. Als einziges kapitalistisches Land pflegte damals Burma Handelsbeziehungen zur DVRK.

Entfremdung von UdSSR

1950 begann der Koreakrieg. Der nach anfänglichen Gebietsgewinnen der nordkoreanischen Armee beginnende Vormarsch der UN-Truppen, vor allem getragen durch die USA, stoppte erst kurz vor der chinesischen Grenze. Den Umschwung brachten wiederum 300000 chinesische »Freiwillige«, welche in den Konflikt eingriffen. Sowjetische Soldaten waren seit 1949 nicht mehr in Nordkorea stationiert, und die Weigerung Moskaus, große Truppenkontingente zu entsenden, verringerte den sowjetischen Einfluß auf die DVRK fortan. Der Koreakrieg endete mit einem Waffenstillstand und der Beibehaltung der Grenze entlang des 38. Breitengrades.

Nach dem Koreakrieg ließ Kim seine drei wichtigsten Herausforderer von der Parteileitung entfernen: Pak Hon Yong, Ho Ka-Ui und Pak Il-U. Sie standen jeweils für drei wichtige Fraktionen innerhalb der Partei der Arbeit Koreas (PdAK): die Südkoreaner, die »Sowjetkoreaner« und die »China-Koreaner«. Diese drei Strömungen, aufgrund der Geschichte und geographischen Lage Nordkoreas entstanden, sowie die absoluten Kim-Loyalisten buhlten in den Anfangsjahren der DVRK um Macht und Einfluß innerhalb von Staat und Partei.

Der radikale Wirtschaftskurs der Staatsführung, welcher die Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft forcierte, führte dazu, daß in Nordkorea 1955 Hungersnöte ausbrachen. Der damalige Erste Sekretär des ZK der KPdSU, Nikita Chruschtschow, kritisierte das ökonomische Vorgehen Kim Il Sungs stark. Als Reaktion entfernte Staatschef Kim im Dezember 1955 erstmals viele »Sowjetkoreaner« von Führungspositionen in der Partei der Arbeit Koreas. Am 28.12.1955 erläuterte das Staatsoberhaupt zum ersten Mal seine Dschutsche-Ideologie, die er als Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus begriff (siehe jW vom 9.9.2008).

Die nordkoreanische Führung versuchte, den sowjetischen Einfluß auf das Land zu verringern. Theaterstücke aus der UdSSR durften nicht mehr in Nordkorea aufgeführt werden, und das Lehren der russischen Sprache wurde massiv eingeschränkt.

Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 mit Chruschtschows berühmter Geheimrede gegen den »Personenkult« entfremdete die nordkoreanische Führung noch weiter vom »großen Bruder« im Norden. Moskau übte auf Pjöngjang Druck aus, daß eine kollektive Führung die Regierungsgewalt übernehmen solle, doch Kim Il Sung sträubte sich dagegen.

1956 entwickelte sich zum ersten Mal eine ernsthafte Opposition gegen Partei- und Staatschef Kim Il Sung. Diese suchte den engen Kontakt zur Sowjetunion. So weilte unter anderem Leonid Breschnew, der sowjetische Vertreter auf dem dritten Kongreß der PdAK, für kurze Zeit in Nordkorea. Mehrere hochrangige Offizielle der DVRK versuchten, Breschnew zu treffen, um ihn zu überzeugen, daß die UdSSR ihren Druck auf Kim verschärfen sollte. Daneben suchten oft hohe Parteimitglieder Rat in der sowjetischen Botschaft.

Unabhängigkeitskurs

Die Yanan-Gruppe, welche für eine engere Anlehnung an China eintrat (zu dieser gehörte auch Yi P’il-Gyu, siehe Quelle), versuchte gemeinsam mit den »Sowjetkoreanern« auf dem Augustplenum der Partei der Arbeit Koreas einen Umsturz. Kim Il Sung jedoch setzte sich durch und entfernte die Oppositionellen von der obersten Parteiebene. Verschiedene Führungskader wie Yi P’il-Gyu wurden direkt auf dem Parteitag aus der PdAK ausgeschlossen.

Kims Lehre aus dem »Augustzwischenfall« war ein noch stärkerer Unabhängigkeitskurs gegenüber den »großen Brüdern«. Die offizielle Historiographie des Landes bezeichnet die Ereignisse als »Putschversuch«. 1956 gilt als Wendepunkt in den internationalen Beziehungen der DVRK. Kim beseitigte die wichtigsten Gegner in der eigenen Partei und begann mit einer Schaukelpolitik zwischen der VR China und der Sowjetunion. Aufgrund des verstärkten Drucks gingen immer mehr ehemalige sowjetische Exilanten wieder zurück in die UdSSR.

Die »China-Koreaner« hatten zunächst noch eine starke Machtbasis: Bis zum November 1958 war die chinesische »Freiwilligenarmee« mit 500000 Mann im Land stationiert. Im Zuge der Entfremdung Chinas von der Sowjetunion näherte Mao Zedong sich bereitwillig Nordkorea an. Während die Hilfe der VR China ab 1954 weiter wuchs, wurden die Zuwendungen der RGW-Staaten ab 1957 nahezu bis zur Bedeutungslosigkeit reduziert. Dieser Zustand war jedoch nicht von langer Dauer: Nach dem »Großen Sprung nach vorn« von 1958 bis 1961 in der Volksrepublik China lockerte Nordkorea die Beziehungen, und die DVRK tendierte wieder mehr zur Sowjetunion.

Anstatt langfristige Verträge abzuschließen, favorisierte die Führung der DVRK auf kurze Zeit angelegte ökonomische Abkommen, die in Devisen bezahlt wurden. Kim Il Sung geißelte 1961 den »modernen Revisionismus« – ein Affront gegenüber Moskau. Doch im Gegensatz zu Mao und dem Vorsitzenden der Partei der Arbeit Albaniens Enver Hoxha adressierte Kim solche Absagen nicht eindeutig. Nordkorea vermied, langfristig sowohl von der VR China als auch der Sowjetunion abhängig zu werden und forcierte die ökonomische Autarkie. Über die beiden direkten Nachbarn hinaus etablierte die DVRK umfassende Beziehungen zu Nordvietnam und dem neutralistischen Kambodscha. Die nordkoreanisch-sowjetischen Beziehungen durchliefen ein andauerndes Auf und Ab, wobei die Mitte der 1960er Jahre den absoluten Tiefpunkt markiert und die Zeit ab 1984 als die des größten Einvernehmens gilt.

Quelle: »Er duldet keine Kritik mehr«

Kim Il Sungs Personenkult ist intolerabel geworden. Er duldet keine Kritik und Selbstkritik mehr. Kim Il Sungs Wort ist Gesetz. Er hat im Zentralkomitee und Kabinett nur Speichellecker und Lakaien um sich geschart. (…) Eine Gruppe von Führungskräften sieht es als notwendig an, gewisse Maßnahmen gegen Kim Il Sung und seine engsten Vertrauten bei der frühesten Gelegenheit zu ergreifen (…) Diese Gruppe hat es sich zum Ziel gemacht, neue Personen an die Spitze der Regierung und des PdAK-Zentralkomitees zu bringen. Es gibt zwei Wege, das durchzusetzen. (…) Der erste ist, einschneidende und bestimmte Kritik und Selbstkritik innerhalb der Partei zu üben. Aber Kim Il Sung wird diesem Kurs nicht zustimmen (…) Die zweite Möglichkeit ist ein Umsturz. Dieser Pfad ist schwierig und wird einige Opfer kosten. Es gibt Leute in der DVRK, die bereit sind, solch einen Kurs einzuschlagen, und diese Leute treffen derzeit die notwendigen Vorbereitungen. (…) Die Opposition würde gerne die sowjetische Botschaft über die Möglichkeit gewisser Ereignisse in der DVRK vorwarnen.«

Yi P’il-Gyu, der Leiter der Beschaffungsabteilung im Regierungskabinett der DVRK, zu A. M. Petrov, einem chargé d’affaires in der sowjetischen Botschaft in Pjöngjang, zitiert nach: Andrei Lankov: From Stalin to Kim Il Song: The Formation of North Korea, 1945–1960, London 2002, S. 159/160

junge Welt, 03.12.2011

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