»Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.« — Václav Havel
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David X. Noack

Geschichte und internationale Politik im linken Fokus

Bekannter unbekannter Balkan (I)

Eine Reportage über eine Reise nach Serbien und Bosnien-Herzegowina

Geschichte ist in Europa allgegenwärtig. Doch was für den ganzen Kontinent gilt, trifft so für den Balkan, viel mehr noch für Ex-Jugoslawien auf ganz besondere Weise zu – zumal viele Wunden noch nicht geschlossen und einige sehr frisch sind. David Noack begab sich auf eine kurze Reise durch Serbien und Bosnien-Herzegowina und gewährt uns Einblicke in eine zerrissene Region und eine, die zerrissen wurde. Hier der erste Teil der Reportage – die Redaktion.

Ein Gazprom-Jet auf dem internationalen Flughafen. Das ist mein erster Eindruck von Belgrad. Ich befinde mich auf einer Bildungsreise, dessen Route durch die Balkanstaaten Serbien und Bosnien-Herzegowina führt. Ich denke darüber nach, wie groß der russische Einfluss in dem alten slawischen Bruderland Serbien noch oder wieder ist – schließlich gab es unter Tito jahrzehntelang einen Bruch zwischen Moskau und Belgrad.

Der Flughafen „Nikola Tesla“ ist benannt nach dem berühmten serbischen Elektroingenieur. Jedoch hat der Erfinder des zweiphasigen elektrischen Generators das Stadtgebiet von Belgrad nie betreten – nachdem er im damaligen Österreich-Ungarn aufgewachsen war, zog es ihn nach Paris und dann in die Vereinigten Staaten.

Am ersten Programmtag der Reise fahren wir mit dem Schiff die Save entlang. Belgrad gliedert sich in zwei Teile: Alt-Belgrad am östlichen Ufer und Neu-Belgrad am westlichen. Die alte Stadt hat ihren Ursprung in der osmanischen Festung Kalemegdan, die ein wichtiger strategischer Ort war, wo die Save in die Donau fließt.

Hier erkennt man teilweise den Glanz der alten kaiserlichen Bauten, mit Nachkriegsmoderne durchsetzt. Die Westerweiterung der Hauptstadt begann unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Es sollte eine sozialistische Idealstadt werden, in der sich alle Regierungsgebäude der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) konzentrieren. Im Gegensatz zu dem älteren Teil der Stadt sieht man in Neu-Belgrad viel Grünanlagen, Parks und Alleen – dafür aber auch höhere Wohnungs- und Verwaltungsgebäude.

Es folgt ein Besuch an einem grausamen Ort der neusten Geschichte: das ehemalige KZ für jüdische Frauen in Belgrad. Die faschistischen deutschen Eroberer errichteten das Konzentrationslager auf dem Alten Messegelände an der Save – dem Stolz des Königreiches Jugoslawiens (1919-1941). Es war eines der wenigen Lager, die explizit „Frauenjudenlager“ genannt wurden.

Für die Ausrottung der weiblichen jüdischen Bevölkerung hatten die Nazis eine besonders perverse Methode ausgewählt: Gaswagen. Man erzählte den Internierten, dass sie evakuiert werden würden, und daraufhin bestiegen diese die Lastwagen. Ein Konvoi fuhr über die Pontonbrücke, die über die Save errichtet werden musste, da die alte König-Alexander-Brücke von den sich zurückziehenden jugoslawischen Truppen gesprengt worden war. Auf den Straßen der Stadt legten dann die Fahrer der Gaswagen einen Schalter um, und die Abgase des Motors wurden in die Container, wo die Gefangenen eingepfercht waren, umgeleitet. Binnen weniger Minuten starben sie einen qualvollen Tod – mitten auf den Straßen der Stadt und unbemerkt von der Bevölkerung.

Unsere Tour führt uns zum Gebäude der einstigen jugoslawischen Einheitsgewerkschaft: ein imposantes Gebäude, vor dem ein großer Brunnen angelegt wurde und früher die Pioniere Titos Geburtstage feierten. Danach betrachten wir das Jugoslawische Föderationsparlament, das heute ohne Funktion ist, denn mit der Abspaltung Montenegros im Jahre 2006 fand die Bundesrepublik Jugoslawien ihr endgültiges Ende. Ereignisse um dieses Gebäude herum, waren Schlüsselmomente der vom Westen gesteuerten und finanzierten „Revolution“ im Jahre 2000.

Um ihre Aggression von 1999 zu vollenden, ließen westliche Geheimdienste und Stiftungen Unruhen anzetteln. Die von US-amerikanischen Organisationen gesponserte OTPOR hatte maßgeblichen Anteil daran. Slobodan Milosevic wurde gestürzt und nach den Haag ausgeliefert, wobei letzteres der jugoslawischen Verfassung widersprach.

Wir laufen zu Fuß zum Präsidentensitz, wo das derzeitige pro-westliche Staatsoberhaupt Boris Tadic residiert. Unser Reiseführer erzählt uns, dass Tadic kein Politiker, sondern ein „Beamter“ sei. Viele Menschen sehnen sich nach den Zeiten unter Zoran Djindjic zurück, da der ein Politiker mit Profil gewesen sei. Doch Djindjic wurde 2003 unter dubiosen Umständen erschossen. Das Haus des Präsidenten ist weniger bewacht als die US-Botschaft – vielleicht ein Zeichen dafür, wer die eigentliche Macht im Land hat?

Ein paar Straßen weiter finden wir die diplomatische Vertretung Washingtons. Das Botschaftsgebäude war bei Unruhen Anfang des Jahres in Brand gesetzt worden, nachdem das Kosovo seine „Unabhängigkeit“ erklärt hatte. Heute sind die Fenster der Vertretung verbarrikadiert, das Gebäude ist weiträumig abgeschirmt, und Fotografieren ist verboten. Eine neue Botschaft wird auf dem Grundstück des 1999 niedergebombten Marsalata errichtet, der einstigen Residenz des jugoslawischen Staatsoberhauptes. Marsalata setzt sich aus Marschall, dem Dienstrang Josip Broz Titos, und dem serbischen Wort für Palast zusammen.

Auf dem Platz der Republik in Belgrad finden sich täglich dutzende Anhänger Karadzics zu einer Mahnwache vor dem Nationalmuseum ein und fordern die Freilassung des nun in Den Haag einsitzenden Präsidenten der Republik Kleinserbien, die im bosnischen Bürgerkrieg für einen Anschluss an Jugoslawien kämpfte. Am Wochenende wird die Mahnwache sogar zu einer Demonstration mit 150 Anhängern. Es werden die Bilder des russischen Ministerpräsidenten Putins, des Staatspräsidenten Russlands Medwedjew und die kubanische Flagge hochgehalten. Die gesamte Veranstaltung hat einen stark religiösen Aspekt. Es werden Lieder im Kanon gesungen und Kerzen – wie man sie aus orthodoxen Kirchen kennt –angezündet.

Nach einer Besichtigung des jüdischen Museums am folgenden Tag fahren wir durch Novi-Beograd, wie es auf Serbokroatisch heißt. Im Prinzip spricht man in einigen Nachfolgestaaten Jugoslawiens immer noch dieselbe Sprache, wenn auch mit verschiedenen Dialekten. In den letzten Jahren haben die einzelnen Regierungen der nicht mehr miteinander befreundeten Staaten krampfhaft versucht, ihre Sprachen zu den anderen abzugrenzen. So werden im „Bosniakischen“, also der Sprache der bosnischen Muslime, viele türkische Begriffe hervorgekehrt, während im Gegenzug das „Serbische“ davon „bereinigt“ wurde.

Während der Zeit des Embargos gegen Rest-Jugoslawien (1992-2000) wanderten viele Chinesen ein. Sie bekamen ihr eigenes Wohngebiet in Neu-Belgrad. Für die Bevölkerung der Hauptstadt waren die chinesischen Waren, die es im „Block 70“ zu kaufen gab überlebenswichtig, da die Blockade den Weg vieler Güter ins Land versperrte. Vor allem im Winter zog es Bewohner Belgrads nach „Chinatown“, da die heimischen Märkte nicht mehr genug Waren hatten. Heute kommen mit den ostasiatischen Einwanderern viele chinesische Firmen ins Land, die jedoch von Serben oft mit Argwohn betrachtet werden.

Auf unserer Bustour fahren wir an der Ruine der ehemaligen chinesischen Botschaft vorbei. Wir hören von Gerüchten, die nach der illegalen Bombardierung in Belgrad im Umlauf waren. So soll die Familie Milosevic in dem Diplomatengebäude Zuflucht gesucht haben, was jedoch nicht stimmte. Am 7. Mai 1999 hatten NATO-Bomber die diplomatische Vertretung zerstört – vier Menschen starben und 20 wurden verletzt. Offiziell wurde erklärt, dass man veraltetes Kartenmaterial verwendet habe. Doch der britische „Observer“ fand heraus, dass Aufklärer erspäht hatten, dass die Botschaft von der jugoslawischen Armee als Funkstation benutzt wurde. Somit war das Gebäude ein militärisches Ziel. Die NATO setzte sich über das „Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen“ hinweg, das die Immunität von Diplomaten und deren Gebäuden sichert, und griff die Botschaft der Volksrepublik China an.

Neue Rheinische Zeitung, 21. Oktober 2009

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